Frau vor der Sonne
Joan Miró
1949
Frau vor der Sonne gehört zu Miró‘s „peintures spontanées“, in welchen er mit grundlegenden Prinzipien des Surrealismus experimentiert: der Spontaneität der künstlerischen Handschrift und ungewöhnlichen Methoden des Farbauftrags. Die Pinselführung in wolkigen runden Bewegungen entspricht dem in Methode und Sujet gleichsam kalligrafischen Charakter des Bildes. Die Malweise mit dünn aufgebrachter Farbe und die frei arrangierte Komposition sind gleichermaßen aufgelockert und bedienen die Assoziation mit Sommer, Strand und mediterraner Heiterkeit.
Woman in Front of the Sun is one of Miró’s peintures spontanées, in which he experimented with the basic principles of Surrealism: the spontaneity of the artist’s hand and unusual methods of applying color. The hazy round brushwork corresponds to the character of the picture which could be described as calligraphic in both its motif and its subject. The thinly applied paint as well as the freely arranged composition are equally relaxed and support the suggestion of summer, beach, and Mediterranean cheer.
Rahmenaußenmaß 137 × 110 × 5 cm
Mirós Bild Femme devant le soleil gehört in die besonders interessante Werkgruppe der «peintures spontanées», die den Künstler von 1949 bis 1950 beschäftigte und die etwa dreißig Bilder umfasst.1 Es ist, als habe er anhand dieser Werkgruppe exemplarisch demonstrieren wollen, welches die beiden wichtigsten gestalterischen Prinzipien der surrealistischen Malerei sind: nämlieh Spontaneität der Pinselschrift und ungewöhnliche Methoden des Farbauftrags. Roland Penrose beschreibt diese Werkgruppe denn auch als «erstaunlich in der Vielzahl der benutzten Materialien und im Willen, neue Formen zu erfinden, die er [Miro] der Familie seiner Zeichen hinzufügt. [... ] In vielen Fällen scheinen die Zeichen mit dem nebligen Hintergrund zu verschmelzen oder verbinden sich mit auf die Leinwand geworfenen Farbspritzern.»2 Laut Penrose stellt das vorliegende Beispiel ein Schlüsselwerk in dieser Bildergruppe dar. Wie wichtig es dem Künstler selbst gewesen sein muss, unterstreicht die Tatsache, dass er es 1960 an der 2. Documenta in Kassel ausgestellt hat. Wie in einem ähnlichen, ebenfalls 1949 entstandenen Bild, das den Titel Personnage obscur devant le soleil trägt (Privatbesitz), verschmilzt Miro hier einzelne kalligraphische Elemente mit großflächigen Farbfeldern. Das deutlich zu erkennende große R, das äußerst schwungvoll auf die Leinwand gesetzt ist, kann auch als Frauengestalt gedeutet werden, die unter einem tiefblauen Himmel mit leuchtend rotem Sonnenball tanzt.
1 Der Begriff «peintures spontanées» stammt von Roland Penrose. Die entsprechenden Bilder sind aufgeführt bei Jacques Dupin/Ariane Lelong Mainaud, Joan Miró, Catalogue raisonné, Paintings, Vol. III, Paris 2001, Nrn. 848-870, 879-891.
2 Roland Penrose, Joan Miró, London1985, S. 116.
zitiert aus: R. & H. Batliner Art Foundation (Hg.), Rudolf Koella (Konzept und Red.)/Felix Billeter (Wiss. Mitarb.), Verborgene Meisterwerke (Kat. Best. R. & H. Batliner Art Foundation, Vaduz 2005), Wien 2005, S. 292, Nr. 142.
