Vögel und Insekten
Joan Miró
1938
Die
verspielte Leichtigkeit der Werke Mirós erhält vor dem Hintergrund des
spanischen Bürgerkrieges (1936–1939) eine besondere Gewichtung. Vögel und Insekten kann als Allegorie
der bedrohten Freiheit gelesen werden, konkreter auch als Protest gegen Francos
diktatorische Schreckensherrschaft. Lebendig auf der Leinwand tanzende, auf den
ersten Blick niedliche Gebilde tragen bedrohliche Züge und offenbaren sich als
Darstellung eines gerupften, von grinsenden Insektenwesen attackierten Vogels
mit weiblichen Körperteilen. Miró, der das Unbewusste und Traumhafte als einzig wahre Quelle der Kunst betrachtete,
galt schon zu Lebzeiten als „surrealistischster“ Künstler. Die Wahl der stets
symbolisch zu lesenden Formen und deren Arrangement werden bei Miró jedoch
nicht dem Zufall überlassen, der lediglich Ausgangspunkt künstlerischer
Inspiration ist.
The background of the Spanish Civil War (1936–1939) lends special weight to the playful lightness Miró’s works radiate. Birds and Insects may be read as an allegory of threatened freedom and, more specifically, as a protest against Franco’s dictatorial terror regime. Vividly dancing across the canvas, Miró’s beings, which strike us as cute at first sight, reveal menacing features and turn out to be involved in a scene featuring a plucked bird with female body parts attacked by grinning insect creatures. Miró, for whom the unconscious and the sphere of dreams were the only true origin of art, was already regarded as the “most Surrealist” of all artists in his lifetime. The choice of forms, which are always to be understood as symbols, and their arrangement are not left to chance, which Miró regarded as merely a point of departure for the artist’s inspiration.
Rahmenaußenmaß (DLR-GE83DL): 140,5 × 113,5 × 7,5 cm
Wie Picasso gingen Miró die tragischen Ereignisse des Spanischen Bürgerkriegs sehr zu Herzen. Von Paris aus, wohin er 1936 emigriert war, versuchte er sich wenigstens so für seine Heimat einzusetzen, dass er 1937 für die Weltausstellung in der französischen Hauptstadt ein riesiges Wandbild schuf, das wie Picassos Guernica zum Widerstand gegen den Faschismus aufrufen sollte (Standort unbekannt). Sowohl der Titel des Bildes Der Schnitter, der wohl als Anspielung auf die selbstbewusste katalanische Nationalhymne Els segadors (Die Schnitter) zu verstehen ist, als auch der Untertitel Katalanischer Bauer in der Revolte lassen noch klarer erkennen, was Miró mit diesem Bild anstrebte.1 Als Protest gegen Francos Schreckensherrschaft lässt sich auch das vorliegende Bild Oiseau et insectes deuten, das der Künstler im April des folgenden Jahres geschaffen hat.2 Der gerupfte weibliche Vogel in der Bildmitte, der von unheimlich grinsenden Insektenwesen bedroht wird, ist wohl ebenfalls ein Symbol der geschundenen Freiheit in Spanien.
Das Thema von Bedrohung, Angriff und Unterdrückung tritt bei Miró im Laufe des Jahres 1938 noch weitere Male auf.3 Möglicherweise ließ er sich dabei von mittelalterlichen Darstellungen der Schöpfungsgeschichte anregen, etwa von Jan van Eycks berühmtem Genter Altar im Prado oder aber, was inhaltlich noch näher liegt, von Darstellungen der Versuchung des heiligen Antonius. Der Vogel auf dem vorliegenden Bild scheint seinen furchterregenden Aggressoren jedenfalls ebenso erbittert Widerstand zu leisten wie der legendäre Eremit den teuflischen Versuchungen. So darf denn dieses Bild vielleicht auch dahingehend interpretiert werden, dass in Mirós Augen Spaniens Freiheit zwar ernsthaft bedroht, aber noch lange nicht verloren war.
1 Näheres dazu bei: Hubertus Gassner, Joan Miró: Der magische Gärtner, Köln 1994, S. 287 f. - Jacques Dupin/Ariane Lelong-Mainaud, Joan Miró: Catalogue raisonné, Paintings, Vol. II, 1931-1941, Paris 2000, Nr. 556.
2 Vgl. Dupin/Lelong-Mainaud 2000 (wie Anm. 1), Nr. 538.
3 Vgl. Dupin/Lelong-Mainaud 2000 (wie Anm. 1), Nrn. 596-598.
zitiert aus: R. & H. Batliner Art Foundation (Hg.), Rudolf Koella (Konzept und Red.)/Felix Billeter (Wiss. Mitarb.), Verborgene Meisterwerke (Kat. Best. R. & H. Batliner Art Foundation, Vaduz 2005), Wien 2005, S. 286, Nr. 141.
