Rädervorhang
Jean Tinguely
1990
Rahmenaußenmaß: 105 x 127 cm
Wie Christo (Inv. DE385/1)) hatte sich der junge Tinguely Ende der fünfziger Jahre in Paris den Nouveaux Realistes um Yves Klein (Inv. GE59DL und Inv. GE60DL) angeschlossen, um sich dann im Laufe der sechziger Jahre zum sicher eigenwilligsten Repräsentanten der kinetischen Kunst zu entwickeln. Ausgehend von filigranen Drahtskulpturen mit sich drehenden farbigen Scheiben, schuf er immer größere und lärmigere Maschinenskulpturen, die aus Unmengen von Schrott und anderen Abfallprodukten bestehen. Ohne Zweifel gibt auch diese großformatige Skizze ein solches kinetisches Objekt wieder. Rädervorhang heißt das Werk, was darauf schließen lässt, dass die bunt bemalten Räder in einer einzigen Fläche angeordnet waren und sich ständig drehten. Auch die entsprechenden Antriebsriemen sind eingezeichnet. Ein rundum laufender handschriftlicher Text, der wie bei Tinguely üblich in einem sehr poetischen Französisch abgefasst ist, erklärt das Werk wie folgt: «Idée: Rideau de Rou(e)s en légèreté & silence sur tringlerie suspendu/Système: éloge de la folie ». Oder auf Deutsch: «Idee: Rädervorhang in Leichtigkeit und Stille an Gestänge aufgehängt/System [von): Lob der Torheit.» Die vorliegende Skizze bezieht sich demnach wohl auf ein kinetisches Relief, das Tinguely 1966 als Bühnenbild für das Ballett Eloge de la Folie von Roland Petit in Paris entworfen hatte.1 Wie ein zeitgenössisches Photo zeigt, bestand dieser Rädervorhang aus einem schwarz bemalten Aluminiumrahmen und verschieden großen Holzrädern, die von einem links sitzenden Akteur über Antriebsriemen in Bewegung gehalten wurden. Festgehalten ist die vorliegende Skizze mit Filzstift und schnell trocknender Acrylfarbe auf einem Stück Wellkarton, das der Künstler wohl aus einer alten Kartonage gelöst hatte. Noch weiter ging er in dieser Hinsicht bei einem anderen Werk in der Sammlung Batliner (Inv. DL363): Die Zeichnung ohne Titel ist nämlich auf einem ausgefalteten Verpackungskarton angebracht. Solche oft sehr großformatige und ausgesprochen bildhaft angelegte Skizzen machen einen Großteil des zeichnerischen Werks von Tinguely aus, und wie bei Christo bilden sie einen wichtigen Bestandteil seines Schaffens.
1 Vgl. Christine Bischofberger, Jean Tingluely, Werkkatalog: Skulpturen und Reliefs 1954-1968, Zürich 1982, Nr. 401.
zitiert aus: R. & H. Batliner Art Foundation (Hg.), Rudolf Koella (Konzept und Red.)/Felix Billeter (Wiss. Mitarb.), Verborgene Meisterwerke (Kat. Best. R. & H. Batliner Art Foundation, Vaduz 2005), Wien 2005, S. 386, Nr. 208.
