Schlafende mit Blumen
Marc Chagall
1972
Wie ein Traumbild schwebt ein übergroßer Blumenstraß über einer schlafenden Frau. Die Umrisse des südfranzösischen Dörfchens Vence liegen im Hintergrund der Hügellandschaft. Rechts steigen – ebenfalls wie Traumbilder – Silhouetten einer Frau und eines mythischen Tieres in den Himmel. So fantastisch die Szene sein mag, so glaubwürdig setzt Chagall sie doch um. Die idyllische ländliche Szenerie erinnert an eine Pastorale und tatsächlich ist das Sujet im Vergleich zu manch anderen surrealen Bildfindungen Chagalls recht traditionell. Doch der Kontrast zwischen den leuchtend bunten Blumen und dem monochromen Blau der Landschaft ist markant. Es besticht, dass genau jenes Element, dessen Dasein dem Gewohnten am meisten enthoben ist, am realistischsten gemalt ist, während die ländliche Topographie als fantastische Traumlandschaft erscheint. Chagall sucht nach einer harmonischen Wahrheit durch die Verbindung von Kontrasten.
In Chagall’s late work, circus scenes were among the artist’s preferred subject matter, next to memories of his childhood in Russia and motifs from the Old and New Testaments. Another central theme was the tribute he paid to France, his adopted country. Time and again he depicted his current places of domicile. Before the war he had lived in Paris and in 1949 settled on the Côte d’Azur – first in Saint-Jean, then in Vence, and, from 1966 onwards, in the neighbouring town of Saint-Paul, whose medieval skyline is recognisable in the present painting. Here the intensive blues, which can frequently be found in works from Chagall’s late period, not only evoke a southern evening sky, but also suggest that the sleeping figure is carried off to the spiritual realm of dreams.
Rahmenaußenmaß (DLR-GE25DL): 174,5 × 146,5 × 5 cm
Eines der zentralen Themen in Chagalls Spätwerk ist die Hommage an seine Wahlheimat Frankreich. Immer wieder stellte der Künstler die Orte dar, wo er gerade wohnte. Lebte er vor dem Krieg noch in Paris, so ließ er sich 1949, nach seiner Rückkehr aus Amerika an der Côte d'Azur nieder, wo er erst in Saint-Jean bei Cap Ferrat, dann in Vence und schließlich ab 1966 im benachbarten Saint-Paul lebte. Chagall muss sich in dieser paradiesischen Landschaft so wohl gefühlt haben, dass er seiner Dankbarkeit nicht nur in einer langen Reihe von Hommagebildern Ausdruck gab, sondern 1973 in Nizza auch ein stattliches Museum für sich und sein Werk stiftete. Auch das vorliegende großformatige Gemälde La dormeuse aux fleurs ist ohne Zweifel als Huldigung an Chagalls südfranzösische Wahlheimat gedacht. Angestrahlt von einem blutroten Sonnenball, um den schattenhaft ein langhalsiges Tier und eine nackte Frau schweben, erscheint im Hintergrund die Silhouette der kleinen mittelalterlichen Stadt Saint-Paul-de-Vence. Dagegen treten die in den Vordergrund gesetzten titelgebenden Motive eine im Gras schlafende junge Frau und ein riesiger Blumenstrauß - bei Chagall noch in anderen ikonographischen Zusammenhängen auf. Auch dass die Bildwelt hier ganz in berückende Blautöne getaucht ist, findet sich in seinem Spätwerk oft wieder. Wie bei Paul Klee (Inv. DL313) evoziert die Farbe Blau auf diesem Bild nicht nur den Eindruck eines südlichen Abendhimmels, sie deutet in einem symbolischen Sinn auch die Entrückung der schlafenden Figur in eine seelisch-geistige Welt an.
zitiert aus: R. & H. Batliner Art Foundation (Hg.), Rudolf Koella (Konzept und Red.)/Felix Billeter (Wiss. Mitarb.), Verborgene Meisterwerke (Kat. Best. R. & H. Batliner Art Foundation, Vaduz 2005), Wien 2005, S. 254, Nr. 36.
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