Rad
Francesco Clemente
1995
Rahmenaußenmaß: 125 × 163 × 3,5 cm
In der Kölner Galerie Paul Maenz fand 1979 eine Ausstellung junger italienischer Maler statt, deren stark verschlüsselte Werke unter dem Titel Arte cifra vorgestellt wurden. Dies traf genau den Kern dessen, was Künstler wie Enzo Cucchi, Sandro Chia, Mimmo Paladino oder - als jüngster unter ihnen - Francesco Clemente beabsichtigten. Das italienische Adjektiv cifra bedeutet nämlich weit mehr als das im Deutschen gebräuchliche Wort Chiffire: Es bezeichnet eine kryptische Verschlüsselung von Dingen, Zeichen und Figuren, die durchaus mehrdeutig sein kann. Clemente ist sicher der ungewöhnlichste unter diesen Künstlern. Er macht insbesondere seine eigene physische und psychische Befindlichkeit zum Bildgegenstand, trifft aber mit seinen Werken auch immer wieder die Wünsche und Träume, Visionen und Ängste der Zeit. Die Verwurzelung der Arte cifra im Privaten und Intimen illustrieren bei Clemente in den neunziger Jahre nicht nur Bilder wie das oben abgebildete Rifugio (Zuflucht), sondern auch das nebenan stehende großformatige Werk Wheel (Rad) aus dem Jahr 1995. Wie der englische Originaltitel andeutet - Clemente lebt seit 1981 in New York - handelt es sich um die Darstellung eines Lebensgleichnisses, von etwas Ewigem, immer Wiederkehrendem also. Es ist wohl kaum Zufall, dass das verschlungene Paar in der Bildmitte in eine Fruchtblase eingeschlossen scheint. Möglich auch, dass mit der orangefarbenen Blume auf dem gelben Grund eine Lotusblüte gemeint ist und dass das Paar mit seinen blau-roten Körpern eine Stellung aus dem indischen Liebeslehrbuch Kamasutra einnimmt. Dies mutet umso wahrscheinlicher an, als Clementes zweite Heimat Madras ist und er sich dort intensiv mit der Kultur und der Religion Indiens auseinandergesetzt hat.
zitiert aus: R. & H. Batliner Art Foundation (Hg.), Rudolf Koella (Konzept und Red.)/Felix Billeter (Wiss. Mitarb.), Verborgene Meisterwerke (Kat. Best. R. & H. Batliner Art Foundation, Vaduz 2005), Wien 2005, S. 380, Nr. 42.
