Blumen auf gelbem Grund
Max Ernst
1929
Max Ernst ist ein großer Experimentator, der der Bilderwelt des Surrealismus mit neuen Techniken wie Frottage, Décalcomanie und Grattage eine besondere Unverwechselbarkeit verliehen hat. Bei der Grattage wird Farbe dick aufgelegt. In der weiteren Bearbeitung der durch Abkratzen und Durchreiben zufällig entstandenen Strukturen durchlaufen die Formen eine Metamorphose. Sie können zu Wäldern, Vögeln, Städten und Blumen werden. Zwischen 1927 und 1929 arbeitet Max Ernst an einer Reihe anmutiger Bilder von hohem dekorativem Reiz. Das zentrale Motiv ist die Muschel- oder Schneeblume. Die auf einfarbigem Grund stehenden Formen sind nicht gemalt, sondern so gespachtelt, dass die verschiedenen Farbschichten einander durchdringen, ohne sich zu vermischen. Das Resultat ist ein geheimnisvoll funkelndes Glänzen und Schimmern. Die lichte, delikate Farbigkeit dieser Bilder schlägt ein neues, wenn auch kurzes Kapitel in Max Ernsts Schaffen auf.
Max Ernst was a great experimenter who left an unmistakable imprint on the pictorial world of Surrealism with such new techniques as frottage, decalcomania, and grattage. For the latter method, the paint is thickly applied. In a subsequent step of scratching and rubbing accidentally created patterns, the forms undergo a process of metamorphosis and may come out as woods, birds, towns, and flowers. Between 1927 and 1929, Max Ernst worked on a series of charming and highly decorative pictures whose central motif is the shell- or snow flower. The forms, which appear against a monochrome backdrop, are not brushed, but applied with a palette knife in such a way that the various layers of colour overlap without blending, which results in a mysteriously sparkling brightness and shimmer. The light-coloured, delicate palette of these pictures turned the page to a new, albeit short, chapter in Max Ernst’s career.
Rahmenaußenmaß: 117,1 × 98,1 × 7,6 cm
Der Kölner Max Ernst war einer der wichtigsten Vertreter des Surrealismus. Wie Hans Arp (Inv. SK2DL) gehörte er zu jenen Gruppenmitgliedern, die in die phantastische Gedanken- und Bilderwelt des französischen Surrealismus Ideen aus ihrer Dada-Zeit in der Schweiz und in Deutschland einbrachten.
Im ersten Manifest des Surrealismus, verfasst 1924 vom französischen Schriftsteller André Breton, wird das menschliche Unterbewusstsein zur wahren Quelle der künstlerischen Inspiration erklärt: An die Stelle logischer Denkvorgänge müsse der psychische Automatismus treten, heißt es dort. Kaum ein anderer surrealistischer Künstler nahm sich diese Forderung mehr zu Herzen als Max Ernst. Mitte der zwanziger Jahre erfand er mit der Frottage (Abreibung) und der Grattage (Abschabung) gestalterische Techniken, die stark von körperlichen und seelischen Impulsen abhängen und so weitgehend vom Zufall bestimmt werden. Bei der Frottage lief der schöpferische Prozess so ab, dass Max Ernst den Malgrund - ein Papier oder eine Leinwand - auf ein grobes Holzbrett legte und dessen Maserung mit Graphit oder Farbe durchrieb. Bei der Grattage dagegen wurde nasse Farbe so lange mit einem Kamm bearbeitet, bis sich - wie bei der Frottage - an Natürliches erinnernde Strukturen ergaben. Gelegentlich, gerade bei seinen Blumenbildern, verwendete Max Ernst anstelle des Kamms auch einen breiten Spachtel, mit dem er verschiedene Farben auf der Malfläche ineinander verstrich.
Auch auf dem vorliegenden, 1929 entstandenen Blumenbild, das sicher zu den schönsten Grattagen von Max Ernst gehört, wurde die Farbe mit dem Spachtel aufgetragen. Merkwürdigerweise sind die Blumen mit einer Art Stiel in Form von Vierecken versehen, die nur gerade als lineares Konstrukt ausgebildet sind, und auch das über dem Horizont schwebende Gestirn ist als lineare Kreisform auf den gelben Grund gezeichnet. Und doch verstärkt dieses scheinbar völlig körperlose Gestirn den Eindruck, als schwebten die weiß-blauen Wunderblumen über einer endlosen Wüstenlandschaft, auf die unerbittlich die Sonne herabbrennt.
zitiert aus: R. & H. Batliner Art Foundation (Hg.), Rudolf Koella (Konzept und Red.)/Felix Billeter (Wiss. Mitarb.), Verborgene Meisterwerke (Kat. Best. R. & H. Batliner Art Foundation, Vaduz 2005), Wien 2005, S. 282, Nr. 58.
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