Frauenakt (Dodo)
Ernst Ludwig Kirchner
1909/1919
Der Akt zeigt Doris Große (Dodo), die ab 1909 zwei Jahre lang Kirchners Geliebte und bevorzugtes Modell in Dresden war. Der bunte Stoff mit großflächiger Ornamentik lässt den zu dieser Zeit typischen Einfluss des Fauvismus sowie Kirchners Interesse an „primitiver Kunst“ erkennen, die er selbst sammelte und von seinen regelmäßigen Besuchen in Völkerkundemuseen her kannte. Um 1919 erinnert sich der mittlerweile in Davos lebende Künstler in seinem Tagebuch an die „feine, frische Liebeslust“, die er mit Dodo erlebt hat. Etwa zu dieser Zeit übermalt er das Gemälde, das durch den Übersiedlungstransport im Jahr 1918 gelitten hat. Die grün schattierte, grellgelbe Überarbeitung der Figur erinnert an seinen späten Stil, den er nun in den Schweizer Alpen pflegt. Die kurze Haartracht der Figur gleicht jener seiner jetzigen Geliebten Erna Schilling.
This nude depicts Doris Große (Dodo), who, in 1909, became Kirchner’s lover and favourite model in Dresden. The colourful and generously patterned fabric betrays the impact of Fauvism typical then and Kirchner’s interest in ‘primitive’ art, which he collected and with which he had familiarised himself during his regular visits to ethnological museums. About 1919, when the artist already lived in Davos, he reminisced in his diary about the ‘deliciously fresh lust for love’ he had experienced with Dodo. Around that period he repainted the picture, which had suffered during his move to Switzerland in 1918. The figure, reworked in shades of green and glaring yellow, reflects the artist’s late style, which he employed during his stay in the Swiss Alps, while the short hairstyle resembles that of his lover at the time, Erna Schilling.
Rahmenaußenmaß (DLR-GE56DL): 97 × 89 × 6,5 cm
Das Schaffen von Ernst Ludwig Kirchner, dem Mitbegründer der Dresdener Künstlergruppe Die Brücke, gilt als der Inbegriff des deutschen Expressionismus. Bis zu seinem Freitod 1938 in Davos, wo er seit 1918 lebte, arbeitete er konsequent an der Steigerung der formalen Ausdruckswerte - nicht nur als Maler, sondern auch als Graphiker und Plastiker. Während eines kurzen Aufenthalts in München 1903-1904 hatte sich der junge Künstler auch dem Aktstudium gewidmet, und von diesem Zeitpunkt an blieb die Darstellung des weiblichen Körpers ein wichtiges Thema seiner Kunst. Für den vorliegenden Frauenakt, der wohl 1909 in Dresden gemalt wurde, stand Kirchner seine Geliebte Doris Gross Modell, die der Künstler liebevoll «Dodo» zu nennen pflegte. Der bunte Stoff mit dem großflächigen Muster lässt, wie so oft in dieser Zeit, Einflüsse des französischen Fauvismus erkennen. Vielleicht handelt es sich dabei um ein Artefakt aus Schwarzafrika oder einem anderen Drittweltland. Jedenfalls weiß man, dass Kirchner damals nicht nur ein regelmäßiger Besucher von Völkerkundemuseen war, sondern auch selbst «primitive» Kunst sammelte. Da viele Bilder Kirchners 1918 unter dem Transport nach Davos gelitten hatten, war der Künstler gezwungen, sie an seinem neuen Wohnort zu restaurieren. Dies gilt auch für den vorliegenden Frauenakt, der an einigen Stellen Übermalungen aufweist. Am 5. Juli 1919, als dieses Bild möglicherweise gerade überarbeitet wurde, erinnerte sich Kirchner noch einmal an die «feine frische Liebeslust», die ihm Dodo einst in Berlin geschenkt hatte: «Du gabst mir die Kraft zur Sprache über Deine Schönheit im reinsten Bilde eines Weibes», schrieb er in sein Davoser Tagebuch: «Ich weiß, dass Du manchmal an mich denkst, Glück und Qual haben wir beide gehabt.»1
1 Ernst Ludwig Kirchners Davoser Tagebuch, hg. von 1. Grisebach, Stuttgart 1997, S. 29.
