Zwei Akte im Raum
Ernst Ludwig Kirchner
1914
Das Gemälde zeigt die Geschwister Erna und Gerda Schilling, die Kirchner im Herbst 1911 in Berlin kennenlernt und die seine bevorzugten Modelle werden; der Akt im Vordergrund mit den betont runden Hüften stellt Erna, seine spätere Lebensgefährtin, dar.
Ungezwungenheit und Nacktheit als Ausdruck des Natürlichen waren Teil des bohemienhaften Lebenskonzepts der „Brücke“-Künstler. Die kühne Stilisierung geometrischer Formen verrät den Einfluss des Kubismus, während archaisierende Elemente an afrikanische Plastik erinnern. Kirchners Vorliebe für außereuropäische Kulturen zeigt auch der von einem Leoparden gestützte afrikanische Hocker, der bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs noch in Kirchners Berliner Atelier stand.
This painting shows the sisters Erna and Gerda Schilling, whom Kirchner met in Berlin in autumn 1911 and who became his favourite models; the nude in the foreground, with its exaggeratedly rounded hips, is a depiction of Erna, his future partner in life.
Easy-goingness and nudity as expressions of a natural instinct were part of the ‘Brücke’ artists’ attitude towards life. The bold stylisation of geometric shapes betrays the influence of Cubism, while archaisising elements are reminiscent of African sculpture. Kirchner’s preference for non-European cultures also manifests itself in the African stool supported by a leopard, which at the outbreak of World War I was still among the furniture in Kirchner’s Berlin studio.
Rahmenaußenmaß 123 × 96,4 × 5,6 cm
Die vorliegende große Leinwand ist, wie so oft bei Kirchner, beidseitig bemalt: Die eine Bildseite, die wohl ins Jahr 1913 zurückgeht, zeigt einen nackten Jüngling und ein junges Mädchen am Strand; die andere Seite, die wahrscheinlich erst im darauffolgenden Jahr bemalt wurde, gibt zwei weibliche Akte in einem Raum wieder. Vertraut man dem Werkkatalog des Künstlers, so hat man das früher entstandene Bild mit den jungen Menschen am Strand als die Hauptseite zu betrachten. Was die gestalterische Qualität angeht, steht ihm die Rückseite mit den beiden Akten im Raum freilich kaum nach. Das Bild auf der Vorderseite erinnert an eine Thematik, die der Künstler - von seinen Aufenthalten an den Moritzburger Seen inspiriert - schon 1909-1911 oft behandelt hatte: Dargestellt sind nackte junge Menschen in freier Natur. Nur ist das vorliegende Werk nicht an den Moritzburger Seen entstanden, sondern auf der Ostsee-Insel Fehmarn, wo der Künstler mit seiner Lebensgefährtin Erna Schilling von 1912 bis 1914 regelmäßig den Sommer verbracht hat.1 Die für Fehmarn typischen runden Felsen sind ebenso klar zu erkennen, wie das niedrige Gebüsch, mit dem dort die Sanddünen befestigt werden. Die Darstellungsweise der Figuren mit ihren extremen Überlängungen und Zuspitzungen ist vergleichbar mit anderen Bildern aus dieser Zeit, etwa den berühmten Kokotten auf dem Potsdamer Platz. Das rückseitig angebrachte Bild Zwei Akte im Raum ist vermutlich die Erstfassung eines Gemäldes im gleichen Format2, das Kirchner im selben Jahr 1914 auch als Vorlage für eine zweifarbige Lithographie verwendete (Zwei Frauen, 1914).3 Im Akt vorne, mit den betont runden Hüften, ist wohl Erna Schilling zu erkennen. Die Frau, die hinter ihr vornüber gebeugt auf einem Stuhl schläft, war dagegen wohl irgendein Modell. Wie in anderen um 1914-1915 geschaffenen Werken arbeitet Kirchner hier mit stark geometrisch stilisierten Formen, insbesondere mit Kreisflächen. Zweifellos geht diese kühne Art der Stilisierung auf eine intensive Auseinandersetzung mit dem Kubismus zurück.
1 Vgl. Ausst.-Kat. Ernst Ludwig Kirchner auf Fehmarn, Schleswig-Holsteinisches Landesmuseum, Schloss Gottorf 1997.
2 Donald E. Gordon, Ernst Ludwig Kirchner; mit einem kritischen Katalog sämtlicher Gemälde, München 1968, Nr. 419.
3 Annemarie und Wolf-Dieter Dube, Ernst Ludwig Kirchner: Das graphische Werk, München 1967, Nr. 259.
zitiert aus: R. & H. Batliner Art Foundation (Hg.), Rudolf Koella (Konzept und Red.)/Felix Billeter (Wiss. Mitarb.), Verborgene Meisterwerke (Kat. Best. R. & H. Batliner Art Foundation, Vaduz 2005), Wien 2005, S. 126, Nr. 99.
