Gebannter Blitz
Paul Klee
1927, 249 (Y 9)
Rahmenaußenmaß 68,4 × 53 × 3,2 cm
In seinem berühmten Aufsatz Schöpferische Konfession schrieb Klee 1920: «Die Kunst spielt mit den letzten Dingen ein unwissend Spiel und erreicht sie doch! Auf Mensch! Schätze dieser Villeggiatur, einmal diesen Gesichtspunkt wie die Luft zu wechseln und dich in eine Welt versetzt zu sehen, die ablenkend Stärkung bietet für die unvermeidliche Rückkehr zum Grau des Werktags. Noch mehr, sie verhelfe dir, die Hülle abzulegen, dich auf Momente Gott zu wähnen.»l
Dieses erstaunliche Credo könnte auch ein Licht auf das vorliegende Bild werfen, wenn auch auf sehr humorvolle Weise. In der unteren, immer heller werdenden Bildhälfte erblickt man geometrisch gemusterte, eckige und runde Gebilde, die über einem filigranen Gitter aus waagrechten Linien schweben und die stark an die Architekturfragmente erinnern. In diese seltsame Dingwelt schlägt pfeilartig ein riesiger schwarzer Blitz ein, ohne aber Schaden anzurichten. Denn wie der Titel sagt, handelt es sich um einen gebannten Blitz, den eine wunderbare Macht im letzten Moment zur festen Form erstarren lässt. Offenbar ist dieser Zacken so solide, dass er begangen werden kann. Ein Männchen mit schwarzem Hut, das an einen Hampelmann erinnert, macht sich dies zunutze und klettert mit Hilfe einer roten Leiter auf den Zacken. Seiner Freude über die gelungene Besteigung verleiht es nicht nur durch die auf dem Gipfel errichtete weiße Fahne Ausdruck, sondern auch durch die Aufführung eines waghalsigen artistischen Akts: Auf einem einzigen Bein schwebend und die Arme weit ausgebreitet, balanciert das Männchen halsbrecherisch auf einer zweiten Leiter.
1 Paul Klee, Schriften: Rezensionen und Aufsätze, hg. von Christian Geelhaar,Köln 1976, S. 122.
Obwohl Klee spätestens ab 1919 vereinzelte Kompositionen auch mit Schablonen- und Spritztechnik behandelt hat, erhielt er ab 1921 vom Weimarer Bauhaus wesentliche neue Impulse für seine Luftpinseltechnik. Das dortige Lehrsystem zielte mit Vorkursen und Lehrwerkstätten darauf ab, alle Kunstsparten in das Projekt des neuen Bauens einfließen zu lassen, darunter auch die Töpferei, bei welcher der Schablonenspritzdekor längst gebräuchlich war. Die Töpferei oder die Buchbinderei, wo Klee 1921 bis 1922 als Formmeister wirkte, hatten nicht nur Einfluss auf die Produktion etwa von Dekorpapieren oder industriellem Keramikdekor, sondern wirkten auch auf die von Klee geleitete "bildnerische Formlehre" am Bauhaus zurück. So wird ab 1923 für viele seiner Bildräume ein geheimnisvolles Pulsieren des nur leicht den Grundton variierenden gespritzten Farbauftrages wie etwa in "Gebannter Blitz" typisch. Auf der Suche nach neuen Wegen der Interaktion zwischen Farbe und Betrachterauge hatte Klee seit 1914 zahllose Varianten erprobt, um sich neue Tiefendimensionen des Bildes zu erschließen.
Dahingehend wirksam ist in unserem Blatt die Kombination von drei gegenständlich "lesbaren" Formgruppen, die trotz ihrer Zugehörigkeit zu drei verschiedenen Realitätsebenen gemeinsam in dem zwischen Schwarz und Hellrosa changierenden Bildgrund eingebettet sind: Im unteren Bildfeld ist dies zunächst eine unsystematische Zusammenstellung von Teppichmustern in linearer Ausführung. Eine andere Realitätsebene bildet sich über der Bildmitte als die zeichenhaft mit einem Blitz assoziierbare beflaggte Zickzackform eines schwarzen Pfeils, der über dem ornamentalen Flickwerk herabfährt und, durch seine rote Spitze in die Ebene der anderen roten Grundmuster überspringend, darin einschlägt. Auf der dritten, im Idiom der Kinderzeichnung sprechenden Ebene balanciert ein Hampelmann auf der Leiter, indem er ein Bein und beide Hände von sich streckt, als bräuchte er keinen Halt. Obwohl die Leiter nur auf der letzten Pfeilzacke steht, scheint sie drei Ecken darunter, aus anderer Richtung kommend, mit ihren unteren Sprossen den Fäden des Teppichgewebes anzugehören.
Klees Unbehagen über Tendenzen des Bauhauses, die freie Malerei abzuschaffen, sowie die Dreifachbelastung des um Integration bemühten Meisters mit Vorkurs, Formlehre für Weberei und Freier Werkstatt für Malerei scheint sich in "Gebannter Blitz" buchstäblich niedergeschlagen zu haben. Das auf dem beflaggten Erfolgsgipfel turnende Künstler-Ich kann vom Publikum beim Balanceakt als Marionette seiner Bemühungen beklatscht werden, während seine Kraft sich in den Zwängen der Lehrverpflichtungen zu verheddern droht.
Marietta Mautner Markhof, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 243.
