Papageientulpen
Henri Matisse
1905
Während eines Aufenthalts in Saint-Tropez im Sommer 1904 wurde Matisse von Signac und Cross in die Kunst des Neoimpressionismus eingeweiht, was das Schaffen des nahezu Vierzigjährigen in eine völlig neue Bahn lenkte. Wie aus einem später geführten Interview hervorgeht, scheint ihn dieses Verfahren aber nicht vollständig überzeugt zu haben: Der Neoimpressionismus oder vielmehr jener Teil von ihm, den man Divisionismus nenne, habe zwar Ordnung in die Gestaltungsmittel des Impressionismus gebracht, es aber leider dabei bewenden lassen: «Alles wird auf dieselbe Art behandelt. Es entsteht am Ende nichts als eine fühlbare Erregtheit, dem Vibrato der Violine oder der Stimme vergleichbar. [... ] Ich versuchte, das Vibrato durch einen ausdrucksvolleren und unmittelbareren Akkord zu ersetzen, dessen Einfachheit und Ehrlichkeit mir ruhigere Flächen ergeben sollte.»1
Schon der Kritiker Louis Vauxcelles lobte am vorliegenden Blumenstilleben, als es in seinem Entstehungsjahr zum ersten Mal ausgestellt wurde, die «effets de lumière, de volume, et de vibration»2. In der Tat hat das Bild, wie die unterschiedlich ausgerichteten kleinen Farbstriche beweisen, noch enge Verbindungen zur neoimpressionistischen Malmethode. Andererseits kündigen sich darin formale Neuerungen an, die erst im Sommer 1905, als Matisse in Collioure mit Derain zusammenarbeitete, klar sichtbar werden sollten. So mutet die Farbe viel intensiver und kontrastreicher an als auf neoimpressionistischen Bildern, und selbst die Wahl des Motivs kann als Zeichen eines künstlerischen Neubeginns verstanden werden: Stillleben finden sich unter den Werken der Neoimpressionisten kaum.
1 Henri Matisse, Gespräch mit Tériade, 1929-30, in: ders., Über Kunst, hg. von Jack D. Flam, Zürich 1982, S. 110.
2 Zitiert nach: Ausst.-Kat. Henri Matisse, 1904-1917, Musée national d'art moderne, Centre G. Pompidou, Paris 1993, S. 423.
zitiert aus: R. & H. Batliner Art Foundation (Hg.), Rudolf Koella (Konzept und Red.)/Felix Billeter (Wiss. Mitarb.), Verborgene Meisterwerke (Kat. Best. R. & H. Batliner Art Foundation, Vaduz 2005), Wien 2005, S. 66, Nr. 136.
