Egon Schiele, "Ich werde für die Kunst und für meine Geliebten gerne ausharren!", Inv. Nr.: 310…
"Ich werde für die Kunst und für meine Geliebten gerne ausharren!"
Egon Schiele, "Ich werde für die Kunst und für meine Geliebten gerne ausharren!", Inv. Nr.: 31027
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

"Ich werde für die Kunst und für meine Geliebten gerne ausharren!"

Egon Schiele

25. April 1912




Im letzten Selbstporträt aus der Zelle findet Schiele die ausdruckstärkste Form für seine drückende Zwangshaft. Als ob die schwere graue Wolldecke aus Fesseln bestünde, krümmt sich der Künstler unter ihr und sucht sich mit den ins Nichts greifenden Händen zu befreien. Die großen Bögen der Decke und ihre Binnenfalten legen sich wie Blei auf den Maler, der in diesem Fall auf eine detailliert ausgeführte Bleistiftvorzeichnung verzichtet hat. Der malerisch offen gehaltene Kopf ist zur schmerzverzerrten Grimasse verzogen und biegt sich unter dem Polster des Betts wie unter einer fremden Macht. Die Inschrift kündigt von der Leidensbereitschaft für die Kunst und ihre wahren Freunde: »Ich werde für die Kunst und meine Geliebten gerne ausharren!«



Künstler:in (Tulln 1890 - 1918 Wien)
Date25. April 1912
Object TypeZeichnung
Object typeDrawing
Materials / TechniquesBleistift, Pinsel, Aquarell auf Japanpapier, grundiert
Dimensions47,9 × 31,9 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object number31027
Inscribedr.o. "ICH WERDE FÜR DIE KUNST / UND FÜR MEINE GELIEBTEN / GERNE AUSHARREN!"
Signedr.o. "EGON / SCHIELE / 25. IV. 1912."
Text

Im April 1912 wird die künstlerische Karriere Schieles jäh unterbrochen. Die Angewohnheit Schieles, Kinder aus den kleinbürgerlichen und sittenstrengen Familien der Nachbarschaft als Modelle zu nehmen, wird wie zuvor in Krumau nun auch im niederösterreichischen Neulengbach, wohin sich Egon Schiele mit seiner Lebensgefährtin #Valerie Neuzil zurückgezogen hat, mit Argwohn beäugt. Als Schiele und Wally ein dreizehnjähriges Mädchen bei sich aufnehmen und sie ihrem Wunsch entsprechend nach Wien begleiten, wo sie bei ihrer Großmutter unterkommen will, erhebt der Vater des Mädchens Anklage wegen Entführung und Schändung einer Minderjährigen. Schiele wird in Neulengbach in Untersuchungshaft genommen und zwei Wochen später ins Kreisgericht nach St. Pölten überstellt.
Auch wenn die Vorwürfe der Entführung einer Minderjährigen als haltlos fallengelassen werden mussten, erlebte der Künstler die 24 Tage der Inhaftierung als einen tiefgreifenden und verletzenden Eingriff in seine Existenz. Da er nicht wusste, was letzten Endes gegen ihn vorgebracht werden würde, musste er eine Haftstrafe von bis zu 20 Jahren wegen "Schändung" fürchten.
Die überlieferten 13 Arbeiten, die Schiele zwischen dem 19. und 27. April 1912 angefertigt hat, verdeutlichen die dramatisch zunehmende Angst vor einer harten Verurteilung. Nachdem ihm seine Lebensgefährtin Wally Zeichenmaterial gebracht hat, schuf Schiele die erschütternden Zeugnisse einer völligen Zerrüttung und zunehmenden Panik.
Die Albertina besitzt die 10 bedeutendsten Gefängniszeichnungen (Inv. 31032, Inv. 31025, Inv. 31160, Inv. 31029, Inv. 31030, Inv. 31031, Inv. 31162, Inv. 31161, Inv. 31027, Inv. 31026). Am Anfang vergewissert sich der Künstler des Raums, der ihn gefangen hält: realistische Interieurs des Neulengbacher Gefängnisses (Inv. 31162, Inv. 31161, Inv. 31027).
Die letzten Selbstbildnisse zeigen den verzweifelten Künstler, der sich notdürftig mit seinem Mantel bzw. mit der grauen Wolldecke der Gefängnispritsche zudeckt.
Im letzten Selbstporträt aus der Zelle findet Schiele die ausdrucksstärkste Form für seine drückende Zwangshaft. Als ob die schwere graue Wolldecke aus Fesseln bestünde, krümmt sich der Künstler unter ihr und sucht sich mit den ins Nichts greifenden Händen zu befreien. Die großen Bögen der Decke und ihre Binnenfalten legen sich wie Blei auf den Maler, der in diesem Fall auf eine detailliert ausgeführte Bleistiftvorzeichnung verzichtet hat. Der malerisch offen ausgeführte Kopf ist zur schmerzverzerrten Grimasse verzogen und biegt sich unter dem Polster des Betts wie unter einer fremden Macht. Die Inschrift kündigt von der Leidensbereitschaft für die Kunst und ihre wahren Freunde: "Ich werde für die Kunst und meine Geliebten gerne ausharren."

Klaus Albrecht Schröder, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best., Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 214.

Catalogue raisonné
  • Kallir Drawings 1990/1998, 1189
  • Bibliography
  • Roessler 1922, S. 31
  • AK Wien 1925/26, Nr. 72d
  • AK Albertina 1948, Nr. 160
  • AK Albertina 1959 a, Nr. 69
  • Mitsch 1961, S. 30 (1969, Abb. 32)
  • AK Köln 1962, Nr. 174, Abb. 129
  • Comini 1964, Abb. 12
  • AK New York 1965, Nr. 24
  • Freiberg 1967, gegenüber S. 248
  • AK Albertina 1968, Nr. 191, Abb.
  • Leopold 1972, Tafel 109
  • Comini 1973, Tafel X, Abb. 37, Abb. 38 (Detail) (1974, Abb. 92)
  • Mitsch 1974, Abb. 39
  • AK München 1975, Nr. 172, Abb.
  • Comini 1976, Tafel 14
  • Schlumberger 1976, S. 84
  • Nebehay 1979, Abb. 87 (1980, Abb. 96)
  • Wilson 1980, Tafel 54
  • Whitford 1981, Abb. 88
  • AK Hamburg 1981, Nr. 200, Abb.
  • AK Winterthur 1982, Nr. 38, Abb.
  • Malafarina 1982, S. 73
  • Nebehay 1983, S. II/13
  • AK Venedig 1984, Nr. 1201
  • Arnold 1984, S. 27
  • Marchetti 1984, S. 234
  • Varnedoe 1986, S. 174
  • AK Paris 1986, ohne Nr., S. 664
  • AK New York 1986, Nr. 97
  • Hobhouse 1988, Abb. 50
  • Nebehay / Müller 1990, Tafel 9
  • AK Albertina 1990, Nr. 96, Abb.
  • Steiner 1991, S. 52
  • Knafo 1993, S. 20
  • Fischer 1994, S. 31
  • AK Washington u.a. 1994, Tafel 56
  • AK Wien 1996 – 98, ohne Nr.
  • Wischin 1998, Frontispiz
  • AK Mailand 2000, S. 86, Abb.
  • AK Zug 2001/02, ohne Nr.
  • AK Albertina 2003/04 a, Nr. 104
  • AK Amsterdam 2005, S. 89, Abb.
  • Klaus Albrecht Schröder (Autor und Hg.), Egon Schiele (Kat. Ausst., Albertina, Wien 2005/2006), München, Berlin, London, New York 2005, Nr. 114
  • Klaus Albrecht Schröder, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best., Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 214
  • Helmut Friedel und Helena Pereña (Hg.), Egon Schiele "Das unrettbare Ich". Werke aus der Albertina, Ausst.- Kat. Städtische Galerie im Lenbachhaus München, Köln 2011, Nr. 63
  • Albertina: Schiele bis Giaccometti , hrsg. von Klaus Albrecht Schröder, Bad Vöslau: Grasl Druck & Neue Medien 2003, Abb.29
  • Söke Dinkla (Hg.), Courage. Lehmbruck und die Avantgarde (Ausst. Kat. Stiftung Wilhelm Lehmbruck Museum, Duisburg 2024), Köln 2024, S. 65, 85 (Abb. S. 17, 79, 85)
  • Provenance
  • seit mindestens 1948 Sammlung Arthur Roessler (1877-1955), Wien
  • 1950 erworben von Arthur Roessler, Wien

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    Last edited09.12.2024

    Egon Schiele, "Die Tür in das Offene!", Inv. Nr.: 31160
    Egon Schiele
    21. April 1912