"Ich werde für die Kunst und für meine Geliebten gerne ausharren!"
Egon Schiele
25. April 1912
Im letzten Selbstporträt aus der Zelle findet Schiele die ausdruckstärkste Form für seine drückende Zwangshaft. Als ob die schwere graue Wolldecke aus Fesseln bestünde, krümmt sich der Künstler unter ihr und sucht sich mit den ins Nichts greifenden Händen zu befreien. Die großen Bögen der Decke und ihre Binnenfalten legen sich wie Blei auf den Maler, der in diesem Fall auf eine detailliert ausgeführte Bleistiftvorzeichnung verzichtet hat. Der malerisch offen gehaltene Kopf ist zur schmerzverzerrten Grimasse verzogen und biegt sich unter dem Polster des Betts wie unter einer fremden Macht. Die Inschrift kündigt von der Leidensbereitschaft für die Kunst und ihre wahren Freunde: »Ich werde für die Kunst und meine Geliebten gerne ausharren!«
Im April 1912 wird die künstlerische Karriere Schieles jäh unterbrochen. Die Angewohnheit Schieles, Kinder aus den kleinbürgerlichen und sittenstrengen Familien der Nachbarschaft als Modelle zu nehmen, wird wie zuvor in Krumau nun auch im niederösterreichischen Neulengbach, wohin sich Egon Schiele mit seiner Lebensgefährtin #Valerie Neuzil zurückgezogen hat, mit Argwohn beäugt. Als Schiele und Wally ein dreizehnjähriges Mädchen bei sich aufnehmen und sie ihrem Wunsch entsprechend nach Wien begleiten, wo sie bei ihrer Großmutter unterkommen will, erhebt der Vater des Mädchens Anklage wegen Entführung und Schändung einer Minderjährigen. Schiele wird in Neulengbach in Untersuchungshaft genommen und zwei Wochen später ins Kreisgericht nach St. Pölten überstellt.
Auch wenn die Vorwürfe der Entführung einer Minderjährigen als haltlos fallengelassen werden mussten, erlebte der Künstler die 24 Tage der Inhaftierung als einen tiefgreifenden und verletzenden Eingriff in seine Existenz. Da er nicht wusste, was letzten Endes gegen ihn vorgebracht werden würde, musste er eine Haftstrafe von bis zu 20 Jahren wegen "Schändung" fürchten.
Die überlieferten 13 Arbeiten, die Schiele zwischen dem 19. und 27. April 1912 angefertigt hat, verdeutlichen die dramatisch zunehmende Angst vor einer harten Verurteilung. Nachdem ihm seine Lebensgefährtin Wally Zeichenmaterial gebracht hat, schuf Schiele die erschütternden Zeugnisse einer völligen Zerrüttung und zunehmenden Panik.
Die Albertina besitzt die 10 bedeutendsten Gefängniszeichnungen (Inv. 31032, Inv. 31025, Inv. 31160, Inv. 31029, Inv. 31030, Inv. 31031, Inv. 31162, Inv. 31161, Inv. 31027, Inv. 31026)
Die letzten Selbstbildnisse zeigen den verzweifelten Künstler, der sich notdürftig mit seinem Mantel bzw. mit der grauen Wolldecke der Gefängnispritsche zudeckt.
Im letzten Selbstporträt aus der Zelle findet Schiele die ausdrucksstärkste Form für seine drückende Zwangshaft. Als ob die schwere graue Wolldecke aus Fesseln bestünde, krümmt sich der Künstler unter ihr und sucht sich mit den ins Nichts greifenden Händen zu befreien. Die großen Bögen der Decke und ihre Binnenfalten legen sich wie Blei auf den Maler, der in diesem Fall auf eine detailliert ausgeführte Bleistiftvorzeichnung verzichtet hat. Der malerisch offen ausgeführte Kopf ist zur schmerzverzerrten Grimasse verzogen und biegt sich unter dem Polster des Betts wie unter einer fremden Macht. Die Inschrift kündigt von der Leidensbereitschaft für die Kunst und ihre wahren Freunde: "Ich werde für die Kunst und meine Geliebten gerne ausharren."
Klaus Albrecht Schröder, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best., Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 214.
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