Egon Schiele, Die Umarmung, Inv. Nr.: 32451
Die Umarmung
Egon Schiele, Die Umarmung, Inv. Nr.: 32451
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Die Umarmung

Egon Schiele

1914




Der kniende Frauenakt stellt eine wohlkalkulierte Balance in der Fläche her. Der Körperpfahl wird unten vom ockerfarbenen Tuch, sowie in der Körpermitte von den beiden vorgestreckten Armen gestützt: gleich einer Waage mit zwei ungleich beladenen, aber das Gleichgewicht haltenden Schalen.

Die Armhaltung lässt sich aus Paaren ableiten, bei denen die Kniende eine stehende Figur umklammert. Die Suggestion dieser Armhaltung ist so groß, dass die Anwesenheit des Abwesenden von uns mitempfunden wird.



Künstler:in (Tulln 1890 - 1918 Wien)
Date1914
Object TypeZeichnung
Object typeDrawing
Materials / TechniquesBleistift und Aquarell auf Japanpapier
Dimensions48,4 × 31,5 cm
Rahmenaußenmaß: 71,6 × 54,4 × 4 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object number32451
Signedr.u. "EGON / SCHIELE / 1914", umrahmt
Text

Schieles künstlerische Aufgabenstellung des Jahres 1914 scheint neben der perennierenden Auseinandersetzung mit dem sexualisierten Körper vor allem in der formalen Komplizierung der körperlichen Verschränkung innerhalb einer oder mehrerer Figuren zu bestehen: die Darstellung von vielfältigen Verkürzungen und schwierigen Überschneidungen. Anfang 1914 arbeitet Schiele nur mit wenigen Modellen, darunter ein dunkelhaariges, das ihm für eine Reihe von Akten und Halbakten Modell steht.

Der „Kniende Frauenakt“ der Albertina stellt auf eigene Weise die Balance in der Fläche her. Der Körperpfahl wird unten vom ockerfarbenen Tuch sowie in der Körpermitte von den beiden vorgestreckten Armen gestützt: gleich einer Waage mit zwei ungleich beladenen, aber im Gleichgewicht befindlichen Schalen. Wieder forciert Schiele die Verkürzungen am Rücken, zwischen den beiden Schulterblättern, im seitlich  gekippten Kopf. Inhaltlich stellt sich die Frage nach der Motivation von den vorgestreckten Armen. Verdanken sie ihre Gestalt allein formalen Überlegungen? Die Armhaltung lässt sich aus Paaren ableiten, bei denen die Kniende eine stehende Figur umklammert. Die Suggestion dieser Armhaltung ist so groß, dass die Anwesenheit der abwesenden zweiten Person mitempfunden wird. Es ist die Strategie der Destabilisierung, die Schiele horizontale Zeichnungen mit Liegenden und Kauernden als Hochformat signieren lässt, um sie zu dislozieren und den Gesetzen der Schwerkraft zu entziehen. Dieselbe Strategie der existentiellen Verunsicherung des Menschen lässt Schiele die Figuren nicht nur aus jedem Lebenszusammenhang herausfiltern, sondern entzieht ihren Blicken und Gesten auch die innerbildlich motivierte Erzählung.

Klaus Albrecht Schröder (Autor und Hg.), Egon Schiele (Kat. Ausst., Albertina, Wien 2005/2006), München, Berlin, London, New York 2005, S. 276.

Catalogue raisonné
  • Kallir Drawings 1990/1998, 1495
  • Bibliography
  • AK Düsseldorf 1959, Nr. 165
  • AK Albertina 1959 a, Nr. 88
  • Mitsch 1961, S. 43 (1969, Abb. 49)
  • AK Albertina 1968, Nr. 222, Abb.
  • AK Tokio 1989, Nr. 160, Abb.
  • AK Albertina 1990, Nr. 120, Abb.
  • AK Mailand 2000, S.103, Abb.
  • AK Amsterdam 2005, S. 109, Abb.
  • Klaus Albrecht Schröder (Autor und Hg.), Egon Schiele (Kat. Ausst., Albertina, Wien 2005/2006), München, Berlin, London, New York 2005, Nr. 151
  • Helmut Friedel und Helena Pereña (Hg.), Egon Schiele "Das unrettbare Ich". Werke aus der Albertina, Ausst.- Kat. Städtische Galerie im Lenbachhaus München, Köln 2011, Nr. 109
  • Klaus Albrecht Schröder, in: Museo Guggenheim Bilbao (Hg.), Egon Schiele. Obras del Albertina Museum, Viena, (Kat. Ausst., Museo Guggenheim Bilbao, Bilbao 2012/2013), Bilbao 2012, S. 152-153 (in spanischer Sprache)
  • Ralph Gleis (Hg.), Gothic Modern, (Ausst. Kat. Albertina, Wien 2025/26), Wien 2025, Kat. 141, S. 237
  • Provenance
  • 1956 erworben bei der Galerie Würthle, Wien

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    Last edited22.09.2025