Die Umarmung
Egon Schiele
1914
Der kniende Frauenakt stellt eine wohlkalkulierte Balance in der Fläche her. Der Körperpfahl wird unten vom ockerfarbenen Tuch, sowie in der Körpermitte von den beiden vorgestreckten Armen gestützt: gleich einer Waage mit zwei ungleich beladenen, aber das Gleichgewicht haltenden Schalen.
Die Armhaltung lässt sich aus Paaren ableiten, bei denen die Kniende eine stehende Figur umklammert. Die Suggestion dieser Armhaltung ist so groß, dass die Anwesenheit des Abwesenden von uns mitempfunden wird.
Rahmenaußenmaß: 71,6 × 54,4 × 4 cm
Schieles künstlerische Aufgabenstellung des Jahres 1914 scheint neben der perennierenden Auseinandersetzung mit dem sexualisierten Körper vor allem in der formalen Komplizierung der körperlichen Verschränkung innerhalb einer oder mehrerer Figuren zu bestehen: die Darstellung von vielfältigen Verkürzungen und schwierigen Überschneidungen. Anfang 1914 arbeitet Schiele nur mit wenigen Modellen, darunter ein dunkelhaariges, das ihm für eine Reihe von Akten und Halbakten Modell steht.
Der „Kniende Frauenakt“ der Albertina stellt auf eigene Weise die Balance in der Fläche her. Der Körperpfahl wird unten vom ockerfarbenen Tuch sowie in der Körpermitte von den beiden vorgestreckten Armen gestützt: gleich einer Waage mit zwei ungleich beladenen, aber im Gleichgewicht befindlichen Schalen. Wieder forciert Schiele die Verkürzungen am Rücken, zwischen den beiden Schulterblättern, im seitlich gekippten Kopf. Inhaltlich stellt sich die Frage nach der Motivation von den vorgestreckten Armen. Verdanken sie ihre Gestalt allein formalen Überlegungen? Die Armhaltung lässt sich aus Paaren ableiten, bei denen die Kniende eine stehende Figur umklammert. Die Suggestion dieser Armhaltung ist so groß, dass die Anwesenheit der abwesenden zweiten Person mitempfunden wird. Es ist die Strategie der Destabilisierung, die Schiele horizontale Zeichnungen mit Liegenden und Kauernden als Hochformat signieren lässt, um sie zu dislozieren und den Gesetzen der Schwerkraft zu entziehen. Dieselbe Strategie der existentiellen Verunsicherung des Menschen lässt Schiele die Figuren nicht nur aus jedem Lebenszusammenhang herausfiltern, sondern entzieht ihren Blicken und Gesten auch die innerbildlich motivierte Erzählung.
