Arkadische Landschaft
Hendrick Goltzius
um 1595-1610
Die stimmungsvolle arkadische Landschaft mit einem Hirten und seiner Herde im Vordergrund wurde wie die Serie der vier kleinen Landschaften (Wien 2013, Sammlung Baselitz, Kat. 170–173) zunächst als reiner Linienschnitt konzipiert und auf blauem Papier abgezogen. In der zweiten, ebenfalls auf blauem Papier gedruckten Version (vgl. Amsterdam und Cleveland 1992–1993, Nr. 62 I–II) wurden die Strahlen und die Wolken getilgt, wodurch nicht mehr gänzlich nachvollziehbar wird, woher die Quelle kommt, die die Landschaft auf subtile Weise in Licht taucht. Aufgrund der Beschädigungen (Wurmlöcher) in der Strichplatte lässt sich zweifellos schließen, dass erst im dritten Zustand des Blattes zwei Tonplatten hinzugefügt wurden, welche der Darstellung eine ausdrucksstärkere Wirkung verleihen. Das Licht streift nur an vereinzelten Stellen über die Naturformen, da es durch das Laub des Baumes und die Wolken, die breite Schatten auf die Landschaft werfen, teilweise verdeckt wird. Das lebendige Helldunkel fasst die Darstellung nun zusammen und lässt einen stimmungsvollen, nahezu romantischen Effekt entstehen. Die breite, flüssige Behandlung der mittleren Tonplatte und der Höhungen schließen an die der vier kleinen Landschaften an, doch ist die Auffassung nun freier und malerischer, zumal auch die Linienführung weniger detailliert ist. Das traditionell Hendrick Goltzius zugeschriebene Blatt galt noch für W. Ames und K. Oberhuber (Wien 1967–1968) als großartigste und in der Technik reifste Landschaft des Künstlers, der hier Anregungen von Pieter Bruegel d. Ä., Paul Brill und Gillis van Conixloo verarbeitet habe. Später wurde jedoch die Autorschaft von Goltzius bezweifelt. P. Van Thiel erinnerte die technische Ausführung an Werke von Mozes van Uyttenbroek, dessen Holzschnitte in der Linienführung jedoch undifferenzierter und schematischer sind. C. S. Ackley (Boston und Saint Louis 1981) schrieb das Blatt Esaias van de Velde zu, wohingegen laut N. Bialler (Amsterdam und Cleveland 1992–1993) stärkere Bezüge zu dessen Cousin, Jan van de Velde II, bestehen. Bialler zufolge stammt der Entwurf von einem in Haarlem tätigen Künstler aus der Zeit von 1612 bis 1615. Während auch E. Hinterding (Tokio 2005) den Urheber des Blattes anonym lässt, stammt laut M. Leesberg die Vorlage von Esaias van de Velde oder Jan van de Velde II. In den Werken der beiden zuletzt genannten Künstler lassen sich zwar Parallelen finden, doch wirken die Motive stärker aneinandergefügt, wohingegen in dem vorliegenden Blatt eine für Goltzius charakteristische Dynamik festellbar ist, die alle Einzelheiten durch die kräftige und schwungvolle Strichführung miteinander verbindet. In der vorliegenden Darstellung sind es die dynamischen Schräglinien, welche der Landschaft ein zum rechten Bildrand hin abfallendes keilförmiges Gepräge geben. Eine Art Gegenpol hierzu bildet die felsige Erhebung im Vordergrund mit einem antiken Rundtempel, zu dem auf der rechten Seite ein getreppter Weg hinaufführt, während auf der linken Seite ein Fluss durch einen Brückenbogen hindurch in mehreren Kaskaden abwärts strömt. Man hat in der Literatur eine Überfülle der Details in dieser Landschaft bemängelt, was angesichts des Abwechslungsreichtums, der Vielfalt und der zugleich klaren Ordnung der Motive nicht nachvollzogen werden kann. Wenngleich sich keine unmittelbar vergleichbare Komposition von Goltzius als Entwurf erhalten hat, so sind doch alle Elemente in Landschaften des Künstlers nachweisbar, weshalb an dieser Stelle an der traditionellen Zuschreibung festgehalten wird. Die vibrierenden, fast krakelig verlaufenden und zu Schraffuren gebündelten Linien an den Gesteinsformen im Vordergrund sowie die von langen Federlinien begleiteten Wolkenformationen finden sich in ähnlicher Form in der Darstellung der Landschaft mit Merkur in Besançon von 1596 (Reznicek 1961, K 393) oder der Gebirgslandschaft in der Pierpont Morgan Library (Amsterdam, New York und Toledo 2003–2004, Kat. 69). Schwungvolle, die Landschaft durchziehende Wege kehren unter anderem in dem bereits erwähnten Blatt mit einer Gebirgslandschaft in Braunschweig (Reznicek 1961, K 394) wieder. Die charakteristische kompositionelle Gestaltung der Darstellung mit einem nach rechts abfallenden Bergmassiv im Hintergrund und einer von links vorne bildeinwärts führenden Schräge, die den Blick zu Gebäuden im Hintergrund führt, findet sich ebenfalls in der 1608 radierten Gebirgslandschaft von Simon Frisius (Amsterdam, New York und Toledo 2003–2004, Fig. 76) und in der von Jacob Matham radierten und gestochenen Landschaft mit dem Sturz des Ikarus (Berlin 1979, Nr. 54). Beide Drucke geben Entwürfe von Hendrick Goltzius wieder, die nicht mehr erhalten sind.
Literatur: Hirschmann 1921, Nr. 377 II; Reichel 1926, S. 66, Taf. 91; Ames 1949, S. 427ff.; Paris und Rotterdam 1965–1966, Nr. 231–233; Wien 1967–1968, Nr. 323; Strauss 1973, Nr. 127b; Van Thiel 1978, S. 9, 31ff. (Art des Mozes van Uyttenbroek); Berlin 1979, Nr. 53; Boston und Saint Louis 1981, Nr. 28 (Esaias van de Velde zugeschrieben); Strauss 1982, S. 270 S3; Amsterdam und Cleveland 1992–1993, Nr. 62 IIIa (anonym); Tokio 2005, Nr. 56-b (anonym); Leesberg 2012, Bd. 4, Nr. R 51, IIIa (nach Esaias van de Velde oder Jan van de Velde II)
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