Maria Steiner
Egon Schiele
1918
Stilistisch bringt das letzte Schaffensjahr Schieles kaum Veränderungen gegenüber dem vorhergehenden. Sein Streben nach plastischer Modellierung als Basis seines seit 1915 verfolgten stärkeren Naturalismus schlägt sich begreiflicherweise besonders in den Porträts nieder. Mit dem Erfolg, der nach der Secessionsausstellung Anfang 1918 mit der weiteren Beauftragung von Porträts allgemeine Anerkennung gefunden hat, ging auch ein für Schiele ungewöhnlicher Vermögenszuwachs einher. Schieles Notizbücher vermerken im letzten Schaffensjahr allein den Besuch von 177 bezahlten Modellen. Die Beliebtheit seiner meist nicht kolorierten Aktzeichnungen lag in der Verbindung von virtuoser Sicherheit in der räumlichen Anlage der Modelle, einem überzeugenden Naturalismus in der Wiedergabe der Anatomie sowie in der eleganten Linienführung. Die vielfach oberflächliche Routiniertheit, mit der Schiele die vielen Akt-, aber auch Porträtzeichnungen anfertigt, kennt 1918 nur wenige Ausnahmen. Neben den stilistisch weiterhin einzigartigen Selbstbildnissen sind es vor allem die gezeichneten Porträts der beiden Kinder von #Hugo und #Lilly Steiner, die aus der Masse herausragen. Die ältere der beiden Töchter, #Eva, heiratet später #Otto Benesch: Sohn von #Heinrich Benesch (Inv. 31154) und nachmaliger Direktor der Albertina, der sich zeitlebens für das Werk Schieles, dem er auch noch Modell gestanden ist, eingesetzt hat.
Gegenüber 1917 hat die Belebung der Binnenformen zugenommen. Mit lebendig und abwechslungsreich geführten parallelen Linien, die vom Gewandmuster gänzlich unabhängig sind, schafft Schiele graphische Konzentrationspunkte, die zugleich der Verräumlichung der Porträtierten dienen. Ein besonderes Augenmerk legt Schiele auf den individuellen charakteristischen Gesichtsausdruck. Bei der jüngeren Steiner-Tochter, Maria, wechselt Ernst mit heiterer Gelassenheit. Im Halbfigurenporträt Maria Steiners stellt Schiele dem knappen Umriss ihres linken Armes die schwere Fülle der einander kreuzenden Linien im rechten Oberarm entgegen.
Klaus Albrecht Schröder (Autor und Hg.), Egon Schiele (Kat. Ausst., Albertina, Wien 2005/2006), München, Berlin, London, New York 2005, S. 372.
