Ein Elefant, sich an einem Baum reibend
Roelant Savery
um 1608-1612 bzw. 1628/29 (L. Rice 2017)
Roelant Savery zog als Kind mit seiner Familie aus den Südlichen Niederlande in den Norden. In Amsterdam lernte er um 1601 bei seinem älteren Bruder Jacob (um 1565 –1603). Um 1604 trat er in Prag in den Dienst Kaiser Rudolfs II. Sehr bedeutend für seine künstlerische Entwicklung war der Aufenthalt in Tirol (1606 –1608), wo er im Auftrag des Kaisers zahlreiche Zeichnungen von Gebirgslandschaften »nach dem Leben« schuf. Nach 1613 war er abwechselnd in Amsterdam und Prag tätig, um sich bald darauf endgültig in den Niederlanden niederzulassen.
Die erstaunlich große, bildhaft durchgeführte Darstellung eines Elefanten, der sich an einem Baum reibt, entstand vermutlich als autonome Arbeit. Auffallend ist die sensible Wiedergabe der runzeligen Haut, deren Struktur durch dichte Überlagerungen verschiedenartiger Striche der schwarzen und roten Kreide fast greifbar wird. Diese porträtartige Wiedergabe des mächtigen Tieres ist vom rein naturwissenschaftlichen Charakter der Tierdarstellungen des 16. Jahrhunderts bereits weit entfernt. Auf ganz neuartige Weise erfasst Roelant Savery den indischen Elefanten in seiner Einzigartigkeit, wobei der offensichtliche Ärger des Tieres über den Juckreiz, verursacht durch einen Stich der nun rechts auf einer Blüte sitzenden Libelle, einen unmittelbar ansprechenden Akzent bildet. Diese Szene weist aber auch eine allegorische Lesart auf: Sogar die Mächtigsten können von winzigen Feinden irritiert werden. Eine solche Auslegung persifliert auf gewitzte Weise zeitgenössische Gedanken, sah doch die barocke Symbolik im dickhäutigen Elefanten ein Sinnbild dafür, dass selbst die unangenehmste Störung dem Großen, Erhabenen nichts anhaben könne.
Knapp dreißig Jahre nach dieser meisterhaften Zeichnung eines Elefanten widmete Rembrandt sich dem gleichen Motiv und entschied sich wie Savery für Kreide (vgl. Inv. 17558).
Bosch, Bruegel, Rubens, Rembrandt. Meisterwerke der Albertina, hg. von K. A. Schröder und C. Metzger, Albertina, Wien, Ostfildern 2013, Abb. 80, S.166.
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