Indischer Fürst, vermutlich Kaiser Jahangir
Rembrandt Harmensz. van Rijn
um 1656-1661
Das Blatt gehört zu einer höchst bemerkenswerten Gruppe von Zeichnungen im Œuvre Rembrandts. Von den ursprünglich 25 Arbeiten, die 1747 in der Auktion des englischen Sammlers J. Richardson als Album mit indischen Zeichnungen von Rembrandt angeboten wurden, sind uns heute nur mehr 21 Exemplare bekannt. Die in mehreren Sammlungen verstreuten Blätter sind weniger als Kopien denn als freie Interpretationen von Mogul-Miniaturen anzusehen, die im 17. Jahrhundert in Indien vor allem am Hof des Shah Jahan entstanden, der während seiner Regierung (1627-1658) für die Entfaltung der Malerei eine wichtige Rolle spielte. Ob Rembrandt diese Zeichnungen zum persönlichen Zweck oder im Auftrag angefertigt hat, ist nicht bekannt. Die Mogul-Miniaturen gehörten vermutlich zu jenem Album in Rembrandts Besitz, das im Inventar von 1656 als "voll kurioser Miniaturzeichnungen nebst verschiedenen Holzschnitten und Kupferstichen von allerhand Trachten" bezeichnet wird.
Heinrich Glück stellte 1933 erstmals fest, dass zwischen Rembrandts Zeichnungen und den Mogul-Miniaturen, die im 18. Jahrhundert in die Wanddekoration des "Millionenzimmers" im Wiener Schloss Schönbrunn integriert worden waren, mehrere Ähnlichkeiten vorhanden sind. Angesichts der vielleicht niederländischen Provenienz dieser Blätter wäre es gut denkbar, dass sie sich ursprünglich in Rembrandts Besitz befunden haben könnten, obwohl dies nicht konkret nachweisbar ist; zu bedenken ist dabei, dass die Miniaturen in den Mogul-Ateliers vielfach kopiert und wiederholt wurden.
Charakteristisch für Rembrandts Zeichnungen nach den Mogul-Miniaturen ist der praktisch völlige Verzicht auf eine konkrete Hintergrundgestaltung; er konzentrierte sich nur auf die Figuren, deren Umrisse er in rhythmisch fließenden, feinen Federlinien anlegte. Einerseits nimmt er auf den delikaten, dekorativen Linienstil der Miniaturen Bezug, andererseits verleiht er den exotisch bekleideten Figuren durch seinen markant artikulierenden Federstil eine eigene Spannung und Individualität.
Im Albertina-Blatt, das vermutlich den stehenden Groß-Mogul Jahangir wiedergibt, kontrastieren die breiten, heftigen Pinselstriche der dunklen Umgebung auffallend mit der zarten Transparenz der fürstlichen Profilgestalt, deren magische Entrücktheit nicht zuletzt durch die aureolenähnliche Beleuchtung suggeriert wird. Zum Charakter der exotischen Verfeinerung trägt das Japanpapier, das er auch für die anderen Mogul-Zeichnungen verwendete, wesentlich bei. Das unmittelbare Vorbild für diese Zeichnung ist unbekannt geblieben.
Die Vermutungen über die Entstehungszeit dieser Blätter reichen von 1656, dem Jahr des Inventars der Besitztümer Rembrandts, die in den darauffolgenden Jahren nach und nach versteigert wurden, bis in die frühen sechziger Jahre. Es wird vermutet, dass Rembrandts kreative Auseinandersetzung mit den Mogul-Miniaturen den Feder- und Lavierstil seiner späten Zeichnungen bis zu einem gewissen Grad beeinflusst haben mag. Die 1656 datierte Radierung "Abraham, die Engel bewirtend" (Inv. DG1926/40) entstand bekanntlich unter dem Einfluss einer der Mogul-Miniaturen, es ist aber nicht sicher, ob Rembrandt die Zeichnung nach demselben Motiv vor oder nach dieser Radierung gemacht hat; diese bietet also keinen Anhaltspunkt für die Datierung der Zeichnungen. Fest steht jedenfalls, dass Rembrandt sich in diesen Arbeiten in einer durchaus geistreichen und in seinem Œuvre einmaligen Art mit der subtilen exotischen Materie auseinandergesetzt hat.
Rembrandt, hrsg. Klaus Albrecht Schröder und Marian Bisanz-Prakken, Wien 2004, Abb. 146, S. 304.
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