Männlicher Rückenakt (Studie zu dem eine Lanze tragenden Soldaten des geplanten Wandgemäldes "Schlacht von Cascina")
Michelangelo Buonarroti
um 1504
Rahmenaußenmaß 50,9 × 44,1 × 4,3 cm
Der Rückenakt auf der Versoseite, dessen untere Hälfte unglücklicherweise beschnitten ist, diente als Studie zu dem eine Lanze tragenden Soldaten in der Mitte der hinteren Reihe der "Badenden". Michelangelo hatte das Gesicht anfänglich auf der rechten Seite etwas weiter vorgezogen und hat es dann aber mit einer korrigierenden schwarzen Kreidelinie stärker verkürzt und den Kopf weiter gesenkt. Der Kopf und der Arm, der ja in der Darstellung von einer benachbarten Figur verdeckt ist, sind flüchtiger ausgeführt als der Oberkörper. Der Künstler behandelte häufig in seinen Zeichnungen einzelne Gliedmaßen summarischer, wenn er sich auf andere Partien konzentrierte. Die Haltung stimmt nahezu mit der Gestalt auf dem Karton überein, deren Rücken sich allerdings stärker zur Seite biegt. Diese Abweichungen sowie die frische, pentimentreiche Ausführung lassen eine Kopie ausschließen, zumal die kraftvolle Modellierung in weichen, und zugleich lebendigen Tonabstufungen zweifelsfrei die Handschrift Michelangelos verrät. Sie findet sich ebenso in anderen Studien für die "Badenden" im Louvre und im Teylers Museum oder in den wenige Jahre später geschaffenen Entwürfen für Figuren an der Decke der Sixtinischen Kapelle (Tolnay, Corpus, Bd. 1, Nrn. 119r, 132, 139r). Verschiedene Forscher wollten eine Überarbeitung von späterer Hand erkennen, wofür es aber keine Anzeichen gibt, wie schon F. Wickhoff feststellte. Der anfänglich nur zart angelegte Umriss ist mit einer kräftigeren, zusammenfassenden Linie nachgefahren, die aber im Aufdruck variiert und dadurch die Lage der verschiedenen Körperpartien verdeutlicht. Ebenso wenig sind die Weißhöhungen, die auch bei den Studien für die Soldaten in Haarlem und London anzutreffen sind, eine spätere Zutat. Sie sind gezielt neben verschattete Partien gesetzt, um einzelne Muskeln stärker hervortreten zu lassen, oder sitzen an markanten Stellen wie dem Handgelenk, dessen Beweglichkeit sie akzentuieren. Erst durch diese Helldunkelkontraste entwickelt der Rücken sein volles Relief. Er wird durch kraftvoll pulsierende Muskelbewegungen belebt, wobei die Übergänge zwischen den einzelnen Partien aufgrund der malerischen Technik weicher und fließender sind als in den Federzeichnungen. Diese dicht aneinandergesetzten Muskelerhebungen erzeugen einen nahezu eigenständigen Rhythmus, der in dem markanten geschwungenen Umriss weiterklingt und zugleich von diesem gebändigt wird. Es ist eine der schönsten Schwarzkreide-Aktstudien des Künstlers, die darüber hinaus einen Eindruck vom Aussehen des Kartons verleiht, in dem einzelne Gruppen "mit Kohle umrissen und mit Strichen schattiert, die anderen gewischt und mit Weiß aufgehöht" waren (Vasari/Kanz, S. 129).
vgl. Achim Gnann, in: Albertina, Wien (Hg.), Michelangelo. Zeichnungen eines Genies (Kat. Ausst. Albertina, Wien 2010/2011), Ostfildern 2010, Nr. 22.
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