Madonnenstudien
Raffaello Santi
1506-1507
Mit den Skizzen auf der Blattrückseite begegnen wir dem Meister in einem einzigartigen schöpferischen Moment, in dem er in rascher Abfolge Entwürfe zu verschiedenen Madonnengruppen schafft, die er alle in seiner Florentiner Zeit zu Bildern ausarbeiten wird. Zunächst nahm er den Rötelstift zur Hand und skizzierte groß in der Mitte Maria mit zur Seite geneigtem Kopf, die an den Körper des Kindes greift. Der vermutlich sitzende Christusknabe streckt sich empor, um liebevoll seine Wange an den Kopf der Mutter zu schmiegen und die Arme um ihren Hals zu legen. Der Künstler wiederholte dieses als "Madonna Eleusa" (Madonna der Barmherzigkeit) bezeichnete Motiv, das die "Madonna Tempi" in München (Alte Pinakothek) vorbereitet, in einer Skizze oberhalb. Darüber zeichnete er Christus mit dem Rücken zu Maria, zu der dieser nun den Kopf zurückdrehen muss. Die Skizze am linken oberen Rand ist eine frühe Idee für die "Madonna Colonna" in Berlin (Gemäldegalerie). Der Künstler nahm dann die Feder zur Hand, die er spontan und flüssig führt, umriss die Formen rasch, ohne in Einzelheiten zu gehen, und verstärkte allmählich jene Linien, welche die endgültigen Bewegungen festlegen. Die Studie am rechten Rand kehrt ähnlich in der "Madonna des Duke of Northumberland" (Leihgabe an die National Gallery, London) wieder. In der Zeichnung darunter korrigiert Raphael mehrfach Kopf- und Armhaltung Mariens und übernimmt das oben in Rötel skizzierte, sich zurückwendende Christuskind, das nun Blumen und ein Buch zu ergreifen scheint. Aus diesem Motiv entwickelt sich später die "Heilige Familie mit der Palme" in Edinburgh (National Gallery of Scotland). In einer ähnlichen Stellung ist Maria in der Mitte am linken Rand wiedergegeben, doch wie auf der 1508 datierten "Großen Madonna Cowper" in Washington (National Gallery of Art) blickt dort das Christuskind auf den Betrachter. Die Zeichnung darunter zeigt Verwandtschaft mit Raphaels "Madonna Orléans" in Chantilly (Musée Condé). Alle diese Studien bringen wundervoll das enge und liebevolle Verhältnis zwischen Mutter und Kind zum Ausdruck und unterscheiden sich dennoch voneinander in der Lebendigkeit und Intensität der gegenseitigen Zuwendung. Ihr Stil ist den Entwürfen für die "Madonna im Grünen" in Wien (Kunsthistorisches Museum) von 1506 und für die 1507 datierte "Belle Jardinière" im Louvre sehr ähnlich. Ihre Entstehung dürfte daher in diesen Zeitraum fallen.
vgl. Achim Gnann, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 45.vgl.
