Sitzender Männerakt mit aufgeschlagenem Buch (Studie für die "Transfiguration")
Raffaello Santi
1518-1520
Künstler:in
Raffaello Santi
(Urbino 1483 - 1520 Rom)
Date1518-1520
Object TypeZeichnung
Object typeDrawing
Materials / TechniquesRötel über Spuren von schwarzer Kreide, Vorgriffelung und gegriffelte Quadrierung
Dimensions12,6 x 14,5 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object number237r
Inscribedl.u. "R. Vrbin" (in Feder)
MarkingsHerzog Albert von Sachsen-Teschen
TextDie Rötelstudie bereitet den Apostel im linken unteren Eck des Gemäldes vor, der unterschiedlich als Matthäus oder Andreas identifiziert wird. Petrus kann es nicht sein, da er bei der Verklärung Christi zugegen ist. Nachdem Raphael anfangs beabsichtigt hatte, einzig dieses Ereignis darzustellen, war der bedeutende Schritt zur Gestalt des ausgeführten Bildes die Einfügung der Szene mit dem besessenen Knaben im unteren Bereich. Eine frühe Idee hierzu überliefert eine Zeichnung im Louvre (Cordellier und Py, 1992, Nr. 905), in der die Ereignisse auf beiden Bildhälften noch weitgehend voneinander getrennt sind. Der unserer Zeichnung entsprechende Apostel sitzt bereits auf einem Baumstamm, doch ist seine Haltung passiver. Sie ist auf das Bildinnere, auf die kniende Frau und den besessenen Knaben gerichtet. Die Wiener Rötelstudie entstand dagegen zu einem späteren Zeitpunkt, denn die Gestalt nähert sich bereits dem Gemälde an, in dem die Position des Buches jedoch verändert ist und das Haupt des Apostels stärker im Profil gezeigt ist und ein charaktervolleres und würdigeres Aussehen erhält. Wie K. Oberhuber gezeigt hat, veranschaulichte sich Raphael immer wieder Teile der Komposition in Akten, die er aber nicht nach Modellen, sondern aus der Vorstellung heraus zeichnete. Zur Transfiguration existiert eine solche Studie in Chatsworth (Joannides, 1983, Nr. 424) und ein entsprechendes, heute verlorenes Blatt dürfte für die Darstellung der Heilung des Besessenen existiert haben. Von diesem übernahm Raphael wohl die Figur auf der vorliegenden Zeichnung, auf die er zuerst mit dem Griffel ein Quadratnetz übertragen, dann den Akt mit dem Bleigriffel umrissen und schließlich mit dem Rötel in raschen, doch regelmäßig und präzise gezogenen Linien ausgearbeitet hat. Der Apostel befindet sich an einer kompositionell entscheidenden Schnittstelle im Bild. Er wendet sich mit einer energischen Armbewegung als einziger nach außen, dem Betrachter zu, und führt die Blicke durch Wendung seines Kopfes zugleich auf das Hauptereignis zu. Für die dynamische Pose könnte die antike Skulptur des verwundeten Galliers im Louvre vorbildlich gewesen sein, die sich 1514/15 im Palazzo Medici in Rom befand (Bober und Rubinstein, 1987, fig. 150) und die Raphael auch im Loggienfresko Der Sündenfall (Dacos, 1977, S. 157, Tav. XIII) als Anregung diente. Die sich kraftvoll auflehnende Bewegung des Galliers verwandelte er jedoch in eine Haltung, die von tiefer innerer Anteilnahme geprägt ist. Sie ist erfüllt von rhythmischen Gegensätzen, welche die innere Widersprüchlichkeit des Apostels zum Ausdruck bringen, der aus seiner Lektüre herausgerissen wird und mit spontaner Anteilnahme auf das Geschehen reagiert. Er ist fassungslos und ohnmächtig, da er weder durch seinen Verstand noch durch sein Wissen in der Lage ist zu helfen. Wie die Evangelientexte berichten, war der Glaube der Apostel zu gering, um den besessenen Knaben zu heilen, nur Christus vermochte dies. Ab dem ausgehenden 19. Jahrhundert hat die Forschung die Rötelstudie vereinzelt als Nachzeichnung, Fälschung oder als eine Werk von Penni abqualifiziert, doch heute wird die Richtigkeit der traditionellen Zuschreibung an Raphael, für die K. Oberhuber zuerst wieder eingetreten ist, nicht mehr bezweifelt. Dies findet eine Bestätigung in der unlängst entdeckten, bislang einzigen erhaltenen Grundrißskizze für St. Peter, welche die gleiche dynamische, sich korrigierende und zugleich höchst sichere Linienführung wie die Aktstudie auf der Vorderseite aufweist. Raphael, der im Frühjahr 1514 zum ersten Architekten von St. Peter ernannt wurde, experimentiert in diesem Grundriß mit den Möglichkeiten einer Erweiterung von Mittelschiff und Hauptkuppelraum, die später allerdings nicht zum Tragen kamen.
zum verwandten Werk
IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/objects/23237/sitzender-mannerakt-mit-aufgeschlagenem-buch-studie-fur-dieImage RequestLast edited13.09.2024