Die Apotheose des heiligen Antonius
François Perrier
1632
Das Blatt wiederholt nahezu maßstabsgleich die Radierung „Die Himmelfahrt des Hl. Antonius“ (Albertina, HB 97, fol. 66, Nr. 71), die François Perrier nach einem heute verlorenen Deckengemälde von Simon Vouet (1590–1649) in der Kapelle des Schlosses Chilly ausgeführt hat. Der Zeichner hat sogar die Legenden in den Ecken der Radierung übernommen. Die unbeholfene Wiedergabe mancher Faltenwürfe und die Art, wie der Künstler die von Perrier mit der Radiernadel präzise schraffierten und umrissenen Wolkengebilde summarisch nachempfunden bzw. die Konturlinien zwar mit einem feinen Duktus, aber doch etwas trocken und mechanisch ausgeführt hat, sprechen für einen Mitarbeiter, der in unmittelbarer Nähe zu François Perrier, etwa in seiner Werkstatt, arbeitete. Vermutlich hat der Künstler anhand der Radierung das Zeichnen geübt. Am Vorabend der 1648 erfolgten Gründung der Académie royale de peinture et sculpture gehörte das Kopieren von Werken alter und zeitgenössischer Meister zum Ausbildungsrepertoire angehender Maler und Bildhauer. Mit der Vorlage der Druckgrafik von François Perrier, einem der meistgeschätzten Radierer in Paris, nach einem Deckenbild von Simon Vouet, einem der gefragtesten Ausstattungskünstler seiner Zeit, traf der Zeichner dieses Blattes wohl die besten Voraussetzungen für sein Studium an.
Eine systematische Ausbildung junger Künstler war Perrier jedenfalls ein Anliegen. 1648 war er einer der zwölf Gründungsväter der Akademie in Paris. Als Maler stand Perrier zeitlebens im Schatten Simon Vouets, in dessen Werkstatt er mitarbeitete. Beide Künstler hatten unabhängig voneinander einige Zeit in Italien verbracht und waren Mitarbeiter der berühmtesten zeitgenössischen italienischen Barockmeister ihrer Zeit in Rom, Bologna und Venedig. Perrier schulte sich auch an der Antike, an Raphael und an Werken der italienischen Renaissance. Er radierte antiken Tempelschmuck, Skulpturen und Fresken und archivierte seine Reproduktionen in umfangreichen Grafikkonvoluten. Nach 1629 trat Perrier in die Werkstatt Vouets in Paris ein, ging ihm bei der Ausführung von Palastausstattungen zur Hand und reproduzierte auch diese in Form von Radierungen. Stichreproduktionen von Perrier sowie von Kollegen in der Werkstatt Vouets, von Michel Dorigny (1617–1665) und François Tortebat (1616–1690), sind oft der einzige Hinweis auf Vouets ehemals umfangreich vorhandenes und heute vielfach verlorenes OEuvre.
Dazu gehörte der Bildschmuck im Schloss Chilly bei Longjumeau, den Vouet 1632 vollendet hat. Das Anwesen war im Besitz des surintendant des finances, Antoine Coiffier, der unter Richelieu zum maréchal d’Effiat ernannt wurde. 1624 erwarb der maréchal das alte Schloss Chilly und ließ es in der Folge erneuern und ausbauen (DE GAULLE 1841, S. 452–454, bes. S. 453). 1802 wurden das Schloss und sein Park zerstört. Perriers Radierung und die vorliegende Zeichnung sind demnach die einzigen Zeugnisse über das Aussehen der im Schloss ehemals vorhandenen „Himmelfahrt des Hl. Antonius“.
Spurensuche. Die Sammlung Arthur Feldmann und die Albertina, Achim Gnann, Heinz Schödl (Hg.), Wien 2015, S. 113-114.
IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/objects/328097/die-apotheose-des-heiligen-antoniusImage Request