Venus und Amor
Frans Floris
1555
Platte: 42,3 x 21,5 cm
Der in der Literatur bislang unbeschriebene Clair-obscur gibt die antike Statue Venus Felix und Amor (Vatikan, Museo Pio-Clementino, siehe Wien 2013, Abb. 78) wieder, die Papst Julius II. 1509 im Belvedere aufstellen ließ (Bober und Rubinstein 1987, Nr. 16). Sie wurde dort in einer Nische angebracht, was durch weitere frühe Kopien dokumentiert ist (Brummer 1970, Fig. 6, 107). Im Unterschied zu der antiken Statue sind auf dem Holzschnitt jedoch der linke Unterarm der Venus sowie die beiden Arme Amors ergänzt. Die Göttin hält nun einen Pfeil, zu dem sich der Knabe emporreckt, während er mit der Linken seinen Bogen umfasst. Auf der Rückseite des Blattes ist die Federaufschrift »Copiert dessin de Francois Floris d’après une antique« zu lesen. Frans Floris hat bei seiner Italienreise in der ersten Hälfte der 1540er Jahre in Rom zahlreiche Zeichnungen nach der Antike angefertigt. Bereits Carel van Mander (1617, S. 177) erwähnt in seinem Schilderboek in dem Kapitel über Floris dessen Studien nach »Antiken, die sehr verständnisvoll schraffiert und durchgeführt waren«. In den Skizzenbüchern in Basel (Kunstmuseum), Brüssel (Bibliothèque royale de Belgique) und in einem aufgelösten Skizzenbuch, dem sogenannten Dansaert-Album (Van de Velde 1964, S. 255), finden sich derartige Nachzeichnungen nach den Darstellungen der Trajanssäule, Sarkophagreliefs, Statuen aus der Cesi-Sammlung und den antiken Skulpturen des Belvedere. Oftmals tragen sie am unteren Rand die Bezeichnung »antick«, »antica« oder »antygo« (Van de Velde 1975, Bd. 1, S. 92), woran die Aufschrift »ANTIQUE« auf dem Holzschnitt erinnert. Die Kopien von Floris haben ausgesprochen dokumentarischen Charakter und geben die Antiken mit ihren Fehlstellen wieder (vgl. Stucky 1989), wohingegen die Ergänzungen in dem Clair-obscur eine Ausnahme bilden. Sie geschahen vermutlich, um der Darstellung ein bildmäßig vollständiges Aussehen zu geben. Die Vorlage wurde wohl bewusst für die Reproduktion im Holzschnitt geschaffen, wobei dem Autor jedoch keine entsprechende Zeichnung des Künstlers bekannt ist. Die dünnen parallelen Linien, die mit den beiden dunkelsten Tonplatten gedruckt sind und die beiden Körper dicht überziehen, erinnern an die Technik, mit der Floris seine Antikenkopien ausgeführt hat (Van de Velde 1975, Bd. 2, Abb. 120, 126). In diesen lavierten Federzeichnungen begegnen wir auch den langen, vertikal verlaufenden Schraffuren, wie sie in dem Holzschnitt am Stoff hinter dem angewinkelten Bein der Venus zu erkennen sind. Die etwas behäbige Gestalt der Göttin mit ihrem breiten Kopf, dem schmalen Mund, den vollen Lippen und den fleischigen Händen findet durchaus Parallelen bei den Frauenfiguren in den Bildern von Frans Floris. Das Motiv der Nische mit fehlendem oberen Abschluss und wuchernden Pflanzen auf dem Gemäuer findet sich beim Hl. Markus (Wouk 2011, Bd. 1, Nr. 49) aus der Serie der vier Evangelisten, die Balthasar Bos 1551 nach Entwürfen des Künstlers gestochen hat. Schließlich fällt auch das Datum 1555 auf dem Blatt genau in die Zeit, in der sich Floris mit dem Clair-obscur-Holzschnitt befasst hat. In diesem Jahr sind ebenfalls die Blätter David vor Saul die Harfe spielend und die aus sechs Teilen zusammengesetzten Szenen der Jagden entstanden (Wouk 2011, Bd. 1, Nr. 9). E. H. Wouk stimmt der hier vorgenommenen Zuschreibung des Holzschnittes an Floris zu und hält es für möglich, dass Joos Giethleughen der Formschneider war (Schreiben an den Autor vom 30.5.2013).
AK: Achim Gnann, In Farbe! Clair-obscur-Holzschnitte der Renaissance. Meisterwerke aus der Sammlung Georg Baselitz und der Albertina in Wien, München 2013, Abb. 151, S. 308.
