Das Martyrium der sieben Brüder und ihrer Mutter
Frans Floris
ca. 1550-1560
Die Darstellung zeigt den Martertod, den die sieben Makkabäerbrüder und ihre Mutter unter König Antiochus IV. an Epiphanes erlitten, da sie sich weigerten, die jüdischen Speisegesetzte zu brechen (2 Makk. 7,1–42). Getreu dem alttestamentarischen Text sind die verschiedenen grauenerregenden Folterungen mit ungeschöntem Realismus geschildert. Da die Brüder nicht gewillt waren, Schweinefleisch zu essen, wurden ihrem Sprecher die Zunge abgeschnitten, nach Skythenart die Kopfhaupt abgezogen und die Gliedmaßen abgehackt. Anschließend ließ man den grässlich Verstümmelten in einer Pfanne braten. Seine Brüder mussten dasselbe Martyrium er - lei den. Die symmetrische Anlage der Komposition mit den nebenein - andergereihten Figuren im Hintergrund und die Gruppierung der Schergen um den Gefolterten in der Mitte verraten die Kenntnis von Marcantonio Raimondis Kupferstich Das Martyrium des hl. Laurentius von ca. 1525 nach dem Entwurf von Baccio Bandinelli (vgl. Mantua und Wien 1999, Nr. 269). Der Clair-obscur wurde von J. Judson mit Frans Floris in Verbindung gebracht, wohingegen laut N. Bialler (Amsterdam und Cleveland 1992–1993) und E. H. Wouk die Erfindung auf einen Künstler aus der Schule bzw. einen Nachfolger von Frans Floris zurückgeht. N. Bialler zufolge zeigen die Figuren zwar den Einfluss von Floris, doch seien sie in der zeichnerischen Durchbildung zu schwach, die Posen wirkten steif und anatomisch nicht überzeugend. Tatsächlich sind in dem Blatt David vor Saul die Harfe spielend (Wien 2013, Sammlung Baselitz, Kat. 149) die Bewegungen wesentlich fließender und muten natürlicher an. Dies mag aber durch die Umsetzung der Vorlage in den Holzschnitt bedingt sein, denn gewiss war der Formschneider ein anderer als Joos Giethleughen. In dem vorliegenden Blatt übernehmen die gleichmäßigen schwarzen Linien der Strichplatte die vollständige Beschreibung aller Figuren und Bildelemente. Auch die Lichthöhungen sind in Form von feinen linearen Akzenten gesetzt. Die helle Farbplatte liefert den Grundton für die gesamte Darstellung, wohingegen die zweite Tonplatte an den vom Licht abgewandten Partien zum Einsatz kommt, um die Schattierungen anzudeuten. Die technische Ausführung unterscheidet sich somit wesentlich von dem malerischen Stil des von Giethleughen geschnittenen Blattes. Der hier besprochene Clair-obscur ist in dem aus der Hofbibliothek stammenden Klebeband der Albertina unter Floris eingeordnet, wird somit traditionell mit seinem Namen in Verbindung gebracht. Da enge kompositionelle Bezüge zu Werken des Künstlers bestehen, möchte der Autor trotz der geäußerten Zweifel nicht ganz ausschließen, dass die Idee auf Floris zurückgeht. Berührungspunkte ergeben sich dabei zu Arbeiten, die dieser gegen Mitte der 1550er Jahre geschaffen hat. Neben den für Floris typischen Physiognomien der Schergen finden sich ähnliche, teils antikisch, teils mittelalterlich an - mutende, Hintergrundarchitekturen etwa in Floris’ Gemälde Christus und die Kinder (Aufbewahrungsort unbekannt; Van de Velde 1975, Nr. 41, Abb. 11). Ähnlichen im Vordergrund angeordneten muskulösen Aktfiguren in starker Verkürzung begegnet man in der 1555 von Pieter van der Heyden gestochenen Aufrichtung der ehernen Schlange oder später in dem von Cornelis Cort 1562 gestochenen Blatt Herkules und die Pygmäen (Wouk 2011, Bd. 1, Nr. 25, Bd. 2, Nr. 78). Die Pose des Antiochus kehrt ähnlich in dem 1556 datierten Druck Das salomonische Urteil nach Frans Floris wieder (Wouk 2011, Bd. 1, Nr. 27). Schließlich sei noch auf Floris’ Zeichnung Martyrium des Heiligen Johannes Ev. in Brüssel (Koninklijke Musea voor Schone Kunsten van België; Van de Velde 1975, Bd. 2, Abb. 129) hingewiesen, bei der sich in der Anordnung der Figurengruppen Parallelen zu dem hier besprochenen Blatt ergeben. Der Clair-obscur-Holzschnitt ist extrem selten. N. Bialler ist nur noch ein weiteres Exemplar in braunen Farbtönen im Ashmolean Museum in Oxford bekannt.
Literatur: Judson 1970, S. 93, Anm. 4; Strauss 1973, Nr. 102b (Frans Floris); Amsterdam und Cleveland 1992–1993, Nr. 15 (Schule von Frans Floris); Wouk 2011, Bd. 2, Nr. R2 (Nachfolger von Frans Floris)
IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/objects/330462/das-martyrium-der-sieben-bruder-und-ihrer-mutterImage Request