Abraham opfert Isaak
Andrea Andreani
1586
Rahmenaußenmaß 88,4 × 184,5 × 5 cm
1586 begab sich Andreani nach Siena, wo ihn als erste große Aufgabe die Wiedergabe von Beccafumis Marmorintarsie Abraham opfert Isaak im Boden des Sieneser Doms im Clair-obscur-Holzschnitt in Anspruch nahm (Wien 2013 Abb. 104). Die vor dem Hauptaltar gelegene Marmorinkrustation, für deren Entwurf der große Sieneser Künstler am 25. Februar 1547 eine Bezahlung erhalten hatte (Sanminiatelli 1967, S. 120f., Nr. 76), zeigt rechter Hand den Engel, der Abraham zu dem Gang auf den Berg im Land Morija auffordert, dahinter ist Sarah zu erkennen, die den ihr entgegenkommenden Sohn in ihre Arme schließt. Auf der linken Seite sind lagernde Knechte zu sehen und im Hintergrund ein Engel, der Abraham für seine Tat dankt. Das Zentrum nimmt das Opfer des Abraham ein, dessen machtvolle Gestalt die gesamte Darstellung dominiert. Die Szenen sind in eine großartige weiträumige Landschaft eingefügt, bei der vielleicht bereits ein Einfluss von Michelangelos Jüngstem Gericht zu spüren ist. Andreanis am 12. November 1586 fertiggestellter Holzschnitt ist ein technisches Meisterwerk und sein bis dahin größter Clair-obscur.
Die Ausführung war außerordentlich komplex, da vermutlich fünf Druckstöcke mit jeweils vier Platten aneinander anzupassen und auf insgesamt zehn Papierbögen zu drucken waren. Im Exemplar der Albertina wurden jeweils zwei Bögen zuvor zusammengeleimt. Andreani führt somit die Tradition des Clair-obscur-Holzschnitts in Siena weiter, die Beccafumi in dieser Stadt eingeführt hat. Man hat darauf hingewiesen, dass die Marmorintarsie in ihrer Wirkung dem Chiaroscuroschnitt eng verwandt ist (Bury 2001, S. 220). Die aneinandergefügten verschiedenfarbigen Marmorstücke, die durch dünne Metallstege voneinander abgesetzt sind, ähneln den großen, klar begrenzten Tonflächen und den dünnen, alle Formen gleichmäßig umschreibenden schwarzen Umrisslinien in Andreanis Riesenholzschnitt.
Im Opfer Abrahams erzielt Beccafumi durch die Verwendung farblich aufeinander abgestimmter Marmorsorten einen großen Reichtum an Tonabstufungen, was Andreani kongenial in seinen aus vier Platten bestehenden Druck umsetzt. Indem er im Hintergrund auf den Einsatz der dunkelsten Tonplatte verzichtet, verleiht er dem Raum eine größere Tiefenwirkung als der Darstellung im Paviment, wie E. Lincoln treffend beobachtet hat. Andreani hat noch weitere der Marmorintarsien Beccafumis im Holzschnitt verewigt: die Darstellungen der Eva nach dem Sündenfall (1587) und des knienden Abel vor dem Altar, auf dem das Opferfeuer brennt, aus dem Fries in der Zone um den Hauptaltar sowie die Marmor - inkrustation mit den Geschichten des Moses auf dem Berg Sinai, die ein 1590 geschaffener Riesenholzschnitt darstellt (B. XII, S. 21, Nr. 1, 2, S. 22, Nr. 4). Ferner ist ein Clair-obscur-Holzschnitt (B. XII, S. 155, Nr. 27) mit einer Tonplatte zu nennen, der Beccafumis Gruppe von Männern und Frauen (Albertina Inv. DG2002/395) in größerem Format seitenverkehrt wiedergibt und wohl ebenfalls von Andreani stammt. Bei der Umsetzung des Opfers Abrahams griff Andreani auf eine nicht mehr erhaltene Zeichnung zurück, die vermutlich nicht von seiner Hand stammte. Im Falle des Clairobscurs mit den Geschichten Moses’ auf dem Berg Sinai lieferte ihm nachweislich der Maler Francesco Vanni die Vorlage. Andreanis Opfer Abrahams weicht in kleineren Details, wie der Gestaltung der Pflanzen im Vordergrund oder der Handhaltung des Engels in der Mitte, von dem Marmorbild ab. Wie M. Bury (2001) festgestellt hat, entstand die zeichnerische Vorlage für den Clair-obscur somit nicht nach der Darstellung im Boden, sondern möglicherweise nach dem Karton Beccafumis, der sich jedoch nicht erhalten hat.
AK: Achim Gnann, In Farbe! Clair-obscur-Holzschnitte der Renaissance. Meisterwerke aus der Sammlung Georg Baselitz und der Albertina in Wien, München 2013, Abb. 202, S. 408.
Literatur: Baglione 1649, S. 395; Kolloff 1872, S. 716f., Nr. 3; Seibt 1891, S. 57f.; Pittaluga
1930, S. 254; Servolini 1932, S. 107; Siena 1980, Nr. 86 (Text v. N. Fargnoli); Goldfarb
1981, S. 325f.; Karpinski 1983, S. 14f.; Lincoln 2000, S. 50; Bury 2001, Nr. 161; Matile
2003, S. 166f.; Boorsch 2008–2009, S. 48, Kat. 13
