Villa Madama
Hubert Robert
1760
Die reale Architektur, vorwiegend berühmte Baudenkmäler der Stadt Rom, bildet in Hubert Roberts Werken nur den Ausgangspunkt, um künstlerisch neu gestaltet oder durch Hinzufügen zerstörter, häufig bereits von Pflanzen überwachsener Mauerteile zu einer pittoresken Ruinenarchitektur verfremdet zu werden, wofür die Blätter der Albertina charakteristische Beispiele sind. Einzelne ruinöse und bereits von der Natur überwucherte Mauerteile verstärken nicht nur die dekorative Bildwirkung, sondern weisen die Darstellungen zugleich als Allegorie der Vergänglichkeit aus. Um die Gegensätzlichkeit von einem Monument als Denkmal der Vergangenheit und dem alltäglichen Leben deutlich zu machen, setzt Robert Staffagefiguren wie z. B. Wäscherinnen in den Vordergrund.
Roberts besondere Vorliebe galt neben dem Rötelstift vor allem der effektvollen Kombination von Feder und Pinsel in Schwarz mit Aquarell über einer schwarzen Kreidevorzeichnung, die jenen, für das französische Rokoko spezifischen, anmutigen Eindruck erzeugt. Eine virtuose Pinselführung und eine lockere, freie Malweise in Verbindung mit pittoreskem Ruinenflair verleihen bereits den beiden Jugendwerken, der Ansicht der Villa Madama sowie der der Villa Sacchetti (Inv.12432) jenen lyrisch stimmungshaften Gesamteindruck, der sowohl Charles-Joseph Natoire, Direktor der französischen Akademie in Rom, Marquis de Marigny, Direktor der königlichen Bauten in Paris, als auch den Kunstsammler und ersten Besitzer der beiden Arbeiten, Pierre-Jean Mariette, zu besonders lobenden Worten veranlasste (zit. in: Paris, Washington 2016, S. 16).
Die Villa Madama auf dem Monte Mario, die 1516/17 ausgehend von den Entwürfen Raffaels nach dem Vorbild antiker römischer Villen begonnen und von Antonio da Sangallo d. J. erweitert wurde, befand sich im 18. Jahrhundert in einem verlassenen, halbverfallenen Zustand, der Robert besonders fasziniert haben dürfte, da er die Gartenloggia mit dem brückenartigen Arkadenunterbau in verschiedenen Techniken mit jeweils nur kleinen, hauptsächlich Blickwinkel und Staffage betreffenden Veränderungen mehrfach wiederholt hat (vgl. dazu Paris, Washington 2016, S. 16, 17). Das Aquarell der Albertina oder vielmehr seine eigenhändige Kopie (St. Petersburg, Eremitage) diente Robert 1767 anlässlich der Pariser Salonausstellung als Vorlage für zwei gemalte Versionen dieses Motivs (beide St. Petersburg, Eremitage).
Klaus Albrecht Schröder und Heinz Widauer (Hg.), Von Poussin bis David, Wien, Albertina, 2017, S. 118, Nr. 45.
