Dame mit Krinolinenkleid und Bänderhaube in Rückenansicht
Constantin Guys
Nach einer abenteuervollen Jugend mit Teilnahme am griechischen Freiheitskampf, Eintritt in ein französisches Dragonerregiment und Reisen durch Europa und den Orient begann Guys erst mit 42 Jahren für die "Illustrated News" in London zu zeichnen. Für dieses Magazin war er auch als Kriegsberichterstatter während des Krimkrieges tätig und hielt Kriegsereignisse, aber auch Soldaten und Szenen aus dem Lagerleben fest. 1860 ließ sich Guys in Paris nieder, wo er in Künstlerkreisen zwar bekannt und mit #Daumier, #Gavarni, den #Brüdern Goncourt und #Nadar befreundet war, aber ansonsten sehr zurückgezogen lebte und arbeitete. Er schien geradezu von dem Zwang besessen, anonym zu bleiben: Guys signierte und datierte seine Arbeiten nicht, stellte sie nicht aus und verlangte von #Charles Baudelaire sogar, in seinem 1863 für den "Figaro" verfassten, dreiteiligen Artikel "Le Peintre de la vie moderne" (Le Figaro, 26., 28. 11. und 3. 12.) seinen Namen zu verschweigen. Dieser führte dann tatsächlich nur die Initialen "C.G." an. Baudelaire charakterisiert Guys als "Maler des modernen Lebens" und rühmt seine ständige "Suche nach der vergänglichen, flüchtigen Schönheit des gegenwärtigen Lebens, nach dem Charakter dessen, was ... als Modernität bezeichnet" werden kann. Er hebt weiters Guys´ scharfe Beobachtungsgabe sowie sein außerordentliches Gedächtnis hervor, da er - außer als Kriegsberichterstatter - nie nach der Natur, sondern nur nach der Erinnerung arbeite.
Guys bezog seine Themen aus dem Leben der Pariser Gesellschaft, in ihren Equipagen, auf den Boulevards, in Theatern, Ballsälen, Restaurants, Nachtclubs und Freudenhäusern. In seinem umfassenden Œuvre reflektiert er mit kritischer Ironie die dekadente, rauschhafte Vergnügungs- sowie übertriebene Prunksucht und Eleganz des zweiten Kaiserreiches. Im Mittelpunkt seines Interesses steht in erster Linie die Darstellung der Frau in allen ihren Facetten, von der putzsüchtigen Dame bis zur Prostituierten, wobei sich seine Aufmerksamkeit weniger auf den weiblichen Körper als vielmehr auf das modische Raffinement der Kleidung konzentriert. Ein charakteristisches Beispiel dafür stellt die vorliegende Zeichnung einer Frau in Rückenansicht dar. Das Blatt wurde im Versteigerungskatalog der Sammlung Beurdeley unter dem sehr anschaulichen Titel "Effet de crinoline" geführt, da das pompöse, faltenreiche Krinolinenkleid sowie die Rüschenhaube das Hauptaugenmerk bilden. Mit sparsamsten zeichnerischen Mitteln, unterschiedlich nuancierten Lavierungen und wenigen Federstrichen definiert Guys nicht nur das Stoffmuster, sondern vermittelt auch den Eindruck von duftigem Tüll und knisternden Faltenbergen. Eine sehr ähnliche Darstellung im Nationalmuseum in Stockholm zeigt vermutlich dasselbe Modell, etwas mehr nach rechts gewendet (Bjurström 1986, Nr. 1586).
zitiert aus: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Christine Ekelhart (Bearb.), Die französischen Zeichnungen und Aquarelle des 19. und 20. Jahrhunderts der Albertina. Beschreibender Katalog der Handzeichnungen in der Albertina, Bd. XI, Wien/Köln/Weimar 2007, S. 404, Nr. 181.
IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/objects/33837/dame-mit-krinolinenkleid-und-banderhaube-in-ruckenansichtImage Request