Jean-François Millet(?), Hirtin mit Schafen unter Bäumen, Inv. Nr.: 35583
Hirtin mit Schafen unter Bäumen
Jean-François Millet(?), Hirtin mit Schafen unter Bäumen, Inv. Nr.: 35583
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Hirtin mit Schafen unter Bäumen

Jean-François Millet

um 1850




Künstler:in (Gruchy bei Gréville 1814 - 1875 Barbizon)
Dateum 1850
Object TypeZeichnung
Object typeDrawing
Materials / TechniquesSchwarze Kreide, auf grauem Papier
Dimensions30,9 x 44,4 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object number35583
InscribedVerso: "Coll. Henrix W Mesdag American Art Ass. 8. March 1920, Nr. 195
Markingsr.u. Nachlassstempel Jean-François Millet (Lugt 1460)
Text

1849 übersiedelt Millet nach Barbizon, dessen landschaftliche Umgebung ihn maßgeblich inspiriert. Zunehmend stellt er Szenen aus dem einfachen bäuerlichen Alltag dar, wobei das Thema "Hirtin mit Schafherde" zu seinem Lieblingsmotiv wird. Im Gegensatz zu den erotischen Schäferidyllen des 18. Jahrhunderts gibt er die Hirtin als schlichtes, ärmliches Landkind wieder. In stoischer Ruhe kommt sie der eintönigen Beschäftigung nach: oft auf einem Felsen sitzend bzw. an ihm lehnend, in eine Handarbeit vertieft oder regungslos auf einen Stab gestützt stehend. In dieser statuarisch-gleichmütigen Haltung begegnet sie auch in der malerisch wirkenden, bildhaft ausgeführten Darstellung der Albertina: Aus dem Zusammenspiel weicher Kreidestriche von unterschiedlicher Dichte und Transparenz mit der Struktur und dem Farbton des Papiers resultiert nicht nur plastisches Volumen und räumliche Tiefe, sondern auch der atmosphärische Stimmungsgehalt des schattigen, vereinzelt von lichtdurchleuchteten Stellen durchbrochenen Waldstücks. Gerade dieses dichte, weitgespannte Liniengefüge, das der Szene weiche Sfumatoeffekte verleiht, wirft Probleme auf. Robert L. Herbert (schriftliche Stellungnahme vom 10.11.1999) zweifelt nicht an der Eigenhändigkeit der Zeichnung - vor allem wegen des authentischen Nachlassstempels von 1875 und der ausgereiften Komposition - hält aber die für ihn befremdlich wirkende, schwere grafische Textur für bedenklich. Eine mögliche Erklärung läge seiner Meinung nach in einer späteren Überarbeitung wie sie auch an einigen Ölbildern und Zeichnungen aus der Nachlassversteigerung von 1875 zu "Verschönerungszwecken" vorgenommen worden seien. Das dichte amorphe Strichbild erinnere ihn an die nicht unähnliche Handschrift der beiden Fälscher #Charles Millet und #Cazot. Ob hier wirklich eine nachträgliche, fremde Retusche vorliegt, ist schwer zu entscheiden, da sich auch bei eingehendem Studium der Zeichnung keine verschiedenartigen - übereinanderliegenden - Zeichenweisen erkennen lassen, sondern der Eindruck eines einheitlich homogenen Strichbildes überwiegt, das allerdings in seiner weichen, wolkig wirkenden Modulierung nicht gänzlich als charakteristische Arbeit Millets überzeugt.
Jacques Mathey hält das Blatt in seinem Gutachten vom 23.5.1963 für eigenhändig und stellt in der Komposition selbst sowie an einzelnen Details wie dem Schaf im Vordergrund, das von rückwärts gesehen schräg in die Raumtiefe überleitet, oder den beiden parallel nebeneinander grasenden Tieren enge Beziehungen zu dem Ölbild Die Schäferin des Victoria and Albert Museum, London, fest, das im Katalog der Nachlassversteigerung (Nr. 6) um 1853-1854 datiert wird (siehe dazu die Vorzeichnung in Boston, Museum of Fine Arts, Abb. in: AK Williamstown 1999, Nr. 17, Abb.). Unterschiedlich sind dagegen in der Albertina-Studie die weitaus größere Zahl an Schafen und Bäumen sowie der tiefer gelegene Blickpunkt. Den Kopf der Schäferin umhüllt in beiden Darstellungen ein kapuzenartiges Cape, doch während sie im Londoner Bild an einem Felsen lehnt, steht sie in der Wiener Zeichnung frei auf einer lichtbeschienenen Bodenwelle. Mathey sieht in dem Blatt eine erste Idee für das Londoner Gemälde, das im Ansatz ganz ähnliche Kompositionselemente zeigt, aber in der Reduktion der Bildgegenstände und dem Mut zur gleichsam leeren Mitte als starkes räumliches Element, m.E., bereits weiter fortgeschritten wirkt. Der Hirtin als Einzelfigur steht motivisch das 1849 datierte Ölbild in Glasgow und die Vorzeichnung in Cambridge (Fitzwilliam Museum) nahe, auch wenn es sich bei der Dargestellten wahrscheinlich nicht um eine Schäferin, sondern eher um eine Landstreicherin handelt (AK Paris 1975/76, Nr. 47).

 

zitiert aus: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Christine Ekelhart (Bearb.), Die französischen Zeichnungen und Aquarelle des 19. und 20. Jahrhunderts der Albertina. Beschreibender Katalog der Handzeichnungen in der Albertina, Bd. XI, Wien/Köln/Weimar 2007, S. 522, Nr. 238.

Catalogue raisonné
  • Ekelhart 2007, 238
  • Bibliography
  • The American Art Association, New York, Coll. H. W. Mesdag, Versteigerungskatalog 8., 9.3.1920, Nr. 195
  • Hans Suesserott, Albertina-Neuerwerbungen, in: Albertina Informationen 1968/4, S. 9
  • Gazette des Beaux-Arts 73, 1969, Suppl. à la Gazette des Beaux-Arts, janvier 1969, S. 38, Nr. 165
  • Provenance
  • Nachlassversteigerung Millet 1875
  • Hendrick Willem Mesdag, Den Haag
  • Arman Gobiet, Seeham bei Salzburg
  • bis Sammlung Hendrik Willem Mesdag (1831-1915), Den Haag
  • Versteigerung der Sammlung Mesdag, American Art Ass., 8.3.1920, lot. 195
  • [Verbleib unbekannt]
  • 1968 Sammlung Giovanni Fuchs, Meran
  • 1968 erworben von Privatsammlung, Meran
  • Online resources
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    Last edited15.06.2022