Am Strand
Eugène Boudin
1866
Eugène Boudin, der aus einer Seemannsfamilie stammte und in Honfleur, später in Le Havre aufwuchs, waren Meer, Küste und Schiffe von Kindheit an vertraut. Er begann als Bootsjunge, entschied sich dann aber für eine Druckerlehre. Ab 1844 führte Boudin mit einem Kompagnon ein Schreibwarengeschäft, das auf Malutensilien und auf die Herstellung von Rahmen spezialisiert war. Dabei lernte er Künstler wie #Troyon, #Millet und #Couture kennen. 1847 beschloss Boudin nach Paris zu gehen, um sich ganz der Malerei zu widmen. Nach einem dreijährigen Stipendium, das er auf Betreiben von Troyon und Couture von der Stadt Le Havre erhalten hatte, kehrte er nach Le Havre zurück. Auf seinen zahlreichen Studienreisen hielt er die Küstengebiete von Dünkirchen bis Bordeaux fest. Er skizzierte und malte konsequent im Freien, wodurch er zum Vorläufer der Impressionisten wurde. Er beeinflusste vor allem den jungen #Claude Monet, der ihm in späteren Jahren seinerseits wichtige Impulse gab. Boudins besondere Vorliebe galt den atmosphärischen Veränderungen von Himmel und Wasser sowie dem bunten Treiben in den Hafenstädten und Fischerorten, der Darstellung von Segelbooten und vor allem dem mondänen Strandleben. Bereits 1862 begann er in den beiden neu entstandenen und rasch in Mode gekommenen Seebädern Trouville und Deauville mit Pleineair-Studien. Deauville wurde 1861 vom #Herzog von Morny gegründet, was zur Folge hatte, das zahlreiche Mitglieder des kaiserlichen Hofes hier Erholung suchten.
Ein charakteristisches Beispiel für Boudins Strandansichten repräsentiert das Aquarell der Albertina. Es zeigt - wie meistens - eine kleine elegante, vornehm gekleidete Gruppe von Kurgästen, die Boudin 1866 - vermutlich in Trouville - beobachtet hat. Im Mittelpunkt der Darstellung steht jedoch nicht die porträthafte, individuelle Erfassung des einzelnen, sondern die spontane Wiedergabe vielfältiger Eindrücke: die gegen einen hohen lichterfüllten, transparenten Himmel kontrastierenden Silhouetten der einzelnen Personen, das harmonische Farbenspiel ausladender Krinolinen, von der Meeresbrise bewegte Hutbänder und das Wechselspiel nuancierter Tonwerte in den rasch wechselnden Lichtsituationen.
zitiert aus: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Christine Ekelhart (Bearb.), Die französischen Zeichnungen und Aquarelle des 19. und 20. Jahrhunderts der Albertina. Beschreibender Katalog der Handzeichnungen in der Albertina, Bd. XI, Wien/Köln/Weimar 2007, S. 34, Nr. 10.
