Händestudie
Pascal Adolphe Jean Dagnan-Bouveret
1897
Dagnan-Bouveret, ein Vertreter der fotorealistischen Malerei mit oft süßlich-sentimentaler Note, beginnt seine Studien an der École des Beaux-Arts in Paris zunächst bei #Alexandre Cabanel, dann bei #Léon Gérôme, dessen mythologische Sujets sein Frühwerk prägen. Porträts, Landschafts- und Genrebilder dominieren sein weiteres Œuvre. Durchschlagenden Erfolg erzielt er vor allem ab der Mitte der 1880er-Jahre mit betont naturalistischen Darstellungen aus dem bretonischen Volksleben. In den 90er-Jahren wendet er sich verstärkt religiösen Szenen zu, in denen es ihm gelingt, geheimnisvolle Magie mit Hilfe von subtil abgestuften Farb- und Lichtwerten auszustrahlen. Wesentliche Impulse für diese künstlerische Gestaltungsweise bezog Dagnan-Bouveret aus dem Medium der Fotografie, das ihn faszinierte und dessen Wesensmerkmale seinen Vorstellungen entsprachen. Die vielfältig nuancierten Hell-, Dunkelkontraste, Glätte und Brillanz der Oberfläche sowie minutiösen Detailrealismus suchte er in die Malerei zu übertragen. Dementsprechend bilden Fotografien einen wesentlichen Bestandteil für die Vorbereitung seiner Gemälde: Er ließ seine Modelle in der jeweilig passenden Kleidung und der für die Bildkomposition benötigten Stellung vor der Kamera posieren. Danach entstanden Einzelstudien und Skizzen, in denen der Künstler bemüht war, mit zeichnerischen Mitteln eine der Fotografie ähnliche Wirkung durch geschummerte Licht- und Schattentöne zu erzielen. Diese Intention lässt auch die Händestudie der Albertina erkennen. Weich verlaufende, differenzierte Modulierungen suggerieren Anatomie und Plastizität der Finger und Knöchel, wobei dem von links einfallenden Licht und den dunkel gewischten Stellen eine wesentliche Rolle für den Eindruck von Dreidimensionalität zufällt. Die mit "4. Januar 1897" datierte Rötelzeichnung diente als Vorstudie für die Hände des links von Christus sitzenden Jüngers im Gemälde "Christus und die Jünger in Emmaus", das sich heute im Carnegie Museum of Art in Pittsburgh befindet. Die Studie entspricht in Fingerhaltung und Lichtführung bereits ziemlich genau der Wiedergabe im Gemälde und auch der über die Zeichnung gelegte Raster verdeutlicht, dass sie zur Übertragung auf den Karton oder direkt in das Bild gedacht war. In Pittsburgh befindet sich eine weitere, mit August 1896 datierte Kreidestudie für den Kopf des Jüngers. Hauptaugenmerk liegt hier in der finalen Ausführung des Kopfes, an der die wesentlichen Konturlinien bereits für die Bildübertragung durchstochen sind, während die Hände nur zart skizziert wurden. Diese weichen von der Studie der Albertina durch eine andere Handhaltung ab: hier sind die Finger noch ineinander verschränkt, während die einige Monate später entstandene Wiener Zeichnung bzw. auch das Gemälde die rechte Hand, über die die Finger der linken gelegt sind dann faustartig geschlossen zeigen. Dem Studium der Hände als ausdrucksstarkes Bildelement hat Dagnan-Bouveret allgemein große Aufmerksamkeit geschenkt, wie viele Zeichnungen zumeist in Rötel beweisen (Spangenberg 1978, Nr. 26, 28, 29, 30, 32).
zitiert aus: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Christine Ekelhart (Bearb.), Die französischen Zeichnungen und Aquarelle des 19. und 20. Jahrhunderts der Albertina. Beschreibender Katalog der Handzeichnungen in der Albertina, Bd. XI, Wien/Köln/Weimar 2007, S. 134, Nr. 59.
