Der Heilige Paulus predigt den Athenern
Andrea Meldolla, gen. Schiavone
1547-1550
Wie die Heilung des Lahmen (Achim Gnann und Milan Pelc (Hg.), Andrea Meldolla Schiavone. Printmaking Genius of Mannerism (Kat. Ausst. Museum of Fine Arts, Osijek 2023) Kat. 110, 111; https://permalink.obvsg.at/alb/AC16965842§) stellt die hier besprochene Radierung ein Ereignis aus der Apostelgeschichte dar, die Predigt des hl. Paulus auf dem Areopag in Athen (Apg, 17,16-34; https://www.uibk.ac.at/theol/leseraum/bibel/apg17.html#16§). Die beiden Blätter verbindet die asymmetrische Anlage der Komposition, die stark fluchtende Perspektive und die vergleichbare Bewegung von Johannes und Paulus. Vermutlich hat sie Schiavone zu derselben Zeit geschaffen. Bei der Predigt Pauli in Athen ließ sich der Künstler von einem Kupferstich gleicher Thematik von Giulio Bonasone (B. XV, S. 130, Nr. 72; https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/bartsch_albertina1813bd15/0134/image,info§) anregen, den dieser zusammen mit zwei weiteren Drucken nach Zeichnungen von Perino del Vaga für zwei Chormäntel Papst Pauls III. geschaffen hat (Davidson 1990; https://www.jstor.org/stable/1553942§). Bonasones Stich trägt eine Inschrift und ein Datum, das unterschiedlich 1545 oder 1547 gedeutet wird. Da in seinem gesamten grafischen Werk die Ziffer „5“ immer klar erkennbar ist und die letzte Ziffer davon deutlich abweicht, dürfte es sich um eine spiegelbildliche „7“ handeln. Der Druck Bonasones dürfte somit im Todesjahr Perinos 1547 entstanden sein, was sich im Übrigen mit der Angabe Vasaris (Ausg. Milanesi, Bd. 5, 1880, S. 631f.) deckt, demzufolge nach dem Ableben des Künstlers viele seiner Zeichnungen gestochen wurden, darunter auch diese Szenen. Die Figurenauffassung in Schiavones Radierung gemahnt jedoch nicht an Perino, sondern an den Stil Parmigianinos. So lässt sich die Pose des Paulus von der des Josef von Arimathäa in der zweiten Fassung der Grablegung Christi (Achim Gnann und Milan Pelc (Hg.), Andrea Meldolla Schiavone. Printmaking Genius of Mannerism (Kat. Ausst. Museum of Fine Arts, Osijek 2023) Kat. 12, https://permalink.obvsg.at/alb/AC16965842§) ableiten, und auch die Physiognomien der Athener erinnern an die Trauernden in dieser Radierung Parmigianinos. Es ist beindruckend, wie monumental die Figuren mittlerweile aufgefasst sind. Dies wird vor allem an der kraftvollen Gestalt des hl. Paulus deutlich, der fast die ganze Blatthöhe ausfüllt und dessen ausgreifende Pose auch räumlich wirksam wird. Während sein erhobener Arm durch den Kontrast zwischen der Verschattung und den aufblitzenden Lichtern eine Wendung nach außen vollzieht, blickt sein Haupt über diesen hinweg nach innen. Dadurch entsteht eine spiralige Drehbewegung, die den gesamten Körper durchzieht. Die Raumhaftigkeit der Szene wird durch die schräge Anordnung der Figuren und die starke Abnahme ihrer Größe gesteigert, wobei die perspektivische Sogwirkung dadurch abschwächt wird, dass die Figuren von hinten nach vorne drängen. Wenngleich sich die Zuhörer bisweilen in Gruppen zusammenscharen, beansprucht doch jeder ganz individuell Raum für sich. Zugleich vereinheitlicht ein pulsierendes Helldunkel die gesamte Szene. Wie sehr sich Schiavones Stil weiterentwickelt hat, lässt sich am Vergleich mit dem Blatt mit der Opfergabe auf einem Altar (Achim Gnann und Milan Pelc (Hg.), Andrea Meldolla Schiavone. Printmaking Genius of Mannerism (Kat. Ausst. Museum of Fine Arts, Osijek 2023) Kat. 46, https://permalink.obvsg.at/alb/AC16965842§) ablesen, in dem die Figuren aneinandergereiht sind, sich nicht frei bewegen und den sie umgebenden Raum nicht wirklich mit Leben erfüllen können. Bei der Predigt des Paulus in Athen verwendet Schiavone dünne, geschwungene und dicht aneinandergesetzte Linien, die einen samtigen Effekt entstehen lassen. Die Faltenwürfe der Gewänder werden dabei nicht separat behandelt, sondern sind ganz in das Liniensystem einbezogen. Schiavone verwendet häufig Kreuzschraffuren, auch bei den Gesichtern. Wie fein und differenziert sein Liniengefüge ist, lässt sich an dem wundervoll modellierten Kopf des hl. Paulus ablesen.
F. Richardson datierte das Blatt um 1548-1553, wohingegen sich A. Ballarin und F. Di Gioia für eine Entstehungszeit um 1545 aussprachen. Aufgrund des oben beschriebenen Einflusses von Bonasones Stich bietet sich nach Auffassung des Autors wie bei der Heilung des Lahmen eine Datierung der Radierung um 1547-1550 an. Dem Verfasser sind hiervon drei Zustände bekannt geworden. Gegenüber dem ersten Zustand, den das Blatt der Albertina repräsentiert, finden sich im zweiten Zustand (New York, Metropolitan Museum, Inv. 26.70.3[155]; https://www.metmuseum.org/art/collection/search/396467§) u.a. folgende Änderungen: weitere Schraffuren am Gesicht, an der Schulter und am linken Unterarm der zu Paulus aufschauenden Frau. Bei der Frau mit dem Kind sind der linke Unterarm und das Kleid stärker verschattet, zusätzlich sind Schraffuren an der Stirn und der Brust hinzugefügt. Bei Paulus finden sich weitere Schraffuren im oberen Bereich des Gewandes, am linken Unterarm und an dem Gewandzipfel, den die linke Hand hält. Der dritte Zustand (Paris, Bibliothèque Nationale Réserve vol. 5 (f)-Fol, C 8309, B. 22.b.) ist an weiteren Schraffuren in den verschatteten Bereichen der meisten Figuren zu erkennen.
Wie schon lange erkannt wurde, ließ sich Jacopo Bassano in seiner um 1560 entstandenen Predigt Pauli in Padua (Musei Civici; Maastricht und Brügge 2002-2003, S. 134, Abb. 2; https://permalink.obvsg.at/alb/AC17011913§) von Schiavones Radierung anregen.
vgl. Achim Gnann und Milan Pelc (Hg.), Andrea Meldolla Schiavone. Printmaking Genius of Mannerism (Kat. Ausst. Museum of Fine Arts, Osijek 2023) Kat. 112, https://permalink.obvsg.at/alb/AC16965842§).
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