Andrea Meldolla, gen. Schiavone, Die Beschneidung Christi, Inv. Nr.: DG2014/147
Die Beschneidung Christi
Andrea Meldolla, gen. Schiavone, Die Beschneidung Christi, Inv. Nr.: DG2014/147
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Die Beschneidung Christi

Andrea Meldolla, gen. Schiavone

1542-1544




Künstler:in (Zara (Sebenico) um 1500/15 - 1563 Venedig)
Date1542-1544
Object TypeDruckgraphik
Object typePrint
Materials / TechniquesRadierung auf gelbfarben präpariertem Papier, weiß gehöht
DimensionsBlatt: 35,5 x 27,2 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object numberDG2014/147
Edition1. Zustand
Im Kontext der Sammlung
Dieses Blatt befindet sich auf Seite It/III/1/29 des Klebebandes Italien nach Sektionen III/1. Der Band ist Teil der historischen Druckgrafiksammlung Herzog Alberts von Sachsen-Teschen und seiner Gemahlin Marie Christine. Die Druckgrafiken dieser Sammlung werden in ledergebundenen Folianten verwahrt, die traditionell als „Klebebände“ bezeichnet werden. Die Sammlung als solche ist nach europäischen Kunstlandschaften gegliedert und umfasst die Bereiche Deutsch, Frankreich, Holland und die Niederlande, Italien sowie England. Der Klebeband, in welchem sich die vorliegende Seite befindet, umfasst Arbeiten aus dem Raum Italien. Er gehört in der Sammlungsstruktur zur Sektion 3. Diese Sektion vereint vorwiegend Druckgrafiken, die in der Technik der Radierung ausgeführt wurden. Es ist der 1. Klebeband dieser Sektion. Über den Bereich „Verbundene Objekte“ können Sie den gesamten Klebeband einsehen.
Die historischen Klebebände der Albertina konnten in einem umfassenden Forschungs- und Digitalisierungsprojekt erschlossen und digital zugänglich gemacht werden. Insgesamt umfasst die Sammlung der Albertina 1436 historische Folianten, davon beinhalten 749 die Druckgrafiken des herzoglichen Sammlerpaares. Mehr zum Projekt
Text

Die wundervolle großformatige Radierung der Beschneidung Christi wiederholt ebenfalls jene Komposition von Parmigianino, die in dem Niccolò Vicentino zugeschrieben Clair-obscur-Holzschnitt (B. XII, S. 31ff., Nr. 6; https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/bartsch1811bd12/0039/image,info§) überliefert ist (Inv. DG2002/553). Die Darstellung erscheint nun aber seitenverkehrt und szenisch frei ausgebaut. Sie ist gegenüber dem Vorbild einer strengeren Symmetrie verpflichtet, die Schiavone aber durch die Übernahme des übereck gestellten Tisches aufzulockern sucht. Auch die schräg fluchtende Wand und die unterschiedliche Verteilung der massigen Säulen, die dem Raum überzeugender als im Holzschnitt den Charakter eines Tempels verleihen, trägt zu eine gewissen Rhythmisierung des streng bildebenenparallelen Aufbaus der Szene bei. Die nachträgliche gelbe Einfärbung des Blattes und die Glanzlichter geben dem Blatt eine malerische Wirkung, die sich mit Schiavones lavierten Pinselzeichnungen auf getöntem Papier vergleichen lässt. Die Weißhöhung passt sich äußerst subtil dem Linienverlauf der Radierung an, was dafür spricht, dass die farbigen Zufügungen vom Künstler selbst stammen oder unter seiner Aufsicht aufgetragen worden sind (Wien 1963, S. 73; https://permalink.obvsg.at/alb/AC00479453§). Hinsichtlich der Beschneidung Christi haben Rodolfo Pallucchini und Paola Rossi (1990,  Kat.40, Fig. 45, 46; https://permalink.obvsg.at/alb/AC00939274§) und C. Callegari (2015-2016, S. 108; https://www.academia.edu/21467252/Andrea_Schiavone_e_lincisione_dal_pregiudizio_alla_modernit%C3%A0_in_Splendori_del_Rinascimento_a_Venezia_Schiavone_tra_Parmigianino_Tintoretto_e_Tiziano_catalogo_della_mostra_a_cura_di_E_M_Dal_Pozzolo_e_L_Puppi_Venezia_2015_pp_103_110§) auf die Bezüge zu der Anfang der 1540er-Jahre geschaffenen Darstellung im Tempel in der Carmine-Kirche in Venedig hingewiesen, die Giorgio Vasari (Ausg. Milanesi, Bd. 6, 1881, S. 596; https://permalink.obvsg.at/alb/AC00419104§) für ein Gemälde von Schiavone hielt, die aber heute als ein Frühwerk von Tintoretto angesehen wird. Seit L. Fröhlich-Bum die Auffassung vertrat, die Radierung sei eine der technisch am meisten vollendeten, wird das Blatt den spätesten Arbeiten Schiavones zugerechnet und zwischen 1555 und 1560 datiert. Viele Motive, die nicht von dem Clair-obscur-Holzschnitt übernommen sind, stimmen jedoch mit der zuvor besprochenen Darstellung im Tempel (Achim Gnann und Milan Pelc (Hg.), Andrea Meldolla Schiavone. Printmaking Genius of Mannerism (Kat. Ausst. Museum of Fine Arts, Osijek 2023) Kat.44) überein, die wir um 1542/43-1544 datiert haben. Hier wie dort kehren die Heiliggeisttaube, die Türöffnung an der Seitenwand, die massigen Säulen, das gefährlich nah am vorderen Rand des Altars positionierte Tablett oder das Weglassen des Vorhangs wieder. In beiden Blättern überragt die Frau mit dem Kind auf der Schulter nicht die anderen Figuren und der Knabe neben ihr nicht den Rand des Altars. Es stellt sich die Frage, warum sich der Künstler mehr als zehn Jahre später nochmals dem gleichen Vorbild gewidmet und ganz ähnliche Abänderungen wie in der Darstellung im Tempel vorgenommen haben sollte. Es liegt näher, dass beide Radierung aus der gleichen Zeit stammen, wofür auch stilistische Gründe sprechen. Während sich Schiavone in der Beschneidung Christi noch an der Radiertechnik von Parmigianino orientiert, verwendet er in den Spätwerken wie der Serie der Apostel und Propheten (Achim Gnann und Milan Pelc (Hg.), Andrea Meldolla Schiavone. Printmaking Genius of Mannerism (Kat. Ausst. Museum of Fine Arts, Osijek 2023) Kat. 129-134) ein reduziertes, aber höchst effizient eingesetztes Liniengefüge, bei dem der Blattgrund zur Modellierung der Figuren einbezogen wird. Die Geschöpfe sind viel monumentaler, von innen heraus belebt und die Körper erfüllt eine Kraft, die nach außen weiterwirkt. In der Beschneidung Christi ist hingegen jede Gestalt vom Kontur umschlossen und einzeln beschrieben, und die Gewänder entwickeln noch kein wirkliches Volumen. Sie reihen sich aneinander ohne in den Umraum integriert zu sein, und ihre Bewegungen breiten sich weitgehend in die Fläche. Eine ganz andere Auffassung findet sich im Spätwerk Das Pfingswunder (Achim Gnann und Milan Pelc (Hg.), Andrea Meldolla Schiavone. Printmaking Genius of Mannerism (Kat. Ausst. Museum of Fine Arts, Osijek 2023) Kat. 135), in dem die Apostel zu selbst handelnden, spirituell ergriffenen und aus tiefstem Herzen empfindenden Menschen geworden sind. Das Licht durchdringt den ganzen Raum, erfüllt die Apostel mit Energie und schließt sie zu einer einheitlichen Gruppe zusammen. Alle sind gleichermaßen erfasst von der göttlichen Erscheinung, die zu einer überwältigen Offenbarung für jeden einzelnen wird. In der Beschneidung Christi wirken die Figuren hingegen noch wie aufgefädelte Perlen einer Kette. In der Zartheit der Ausführung ergeben sich sogar Parallelen zu dem etwas früheren Blatt Minerva und die Musen (Achim Gnann und Milan Pelc (Hg.), Andrea Meldolla Schiavone. Printmaking Genius of Mannerism (Kat. Ausst. Museum of Fine Arts, Osijek 2023) Kat. 24) und in der plastischen Figurenauffassung bestehen Bezüge zur Muttergottes umgeben von Heiligen (Achim Gnann und Milan Pelc (Hg.), Andrea Meldolla Schiavone. Printmaking Genius of Mannerism (Kat. Ausst. Museum of Fine Arts, Osijek 2023) Kat. 41). Laut C. Callegari ist das Blatt der Albertina das einzige erhaltene des ersten Zustands. Im zweiten Zustand (London, British Museum, Inv. W, 1.37 https://www.britishmuseum.org/collection/object/P_W-1-37§) hat der Künstler die Schatten im Hintergrund des Raumes und im Randbereich rechts vertieft und das Gewand des Hohepriesters und das Gesicht der Frau mit den Tauben neben ihm verändert.

vgl. Achim Gnann und Milan Pelc (Hg.), Andrea Meldolla Schiavone. Printmaking Genius of Mannerism (Kat. Ausst. Museum of Fine Arts, Osijek 2023) Kat. 45, https://permalink.obvsg.at/alb/AC16965842§).

 

 

Catalogue raisonné
  • B.XVII.46.12
  • Bibliography
  • Achim Gnann und Milan Pelc (Hg.), Andrea Meldolla Schiavone. Printmaking Genius of Mannerism (Kat. Ausst. Museum of Fine Arts, Osijek 2023) Kat. 45.
  • Online resources
    zum Catalogue raisonné

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    Last edited18.03.2024

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