Auffindung des Mosesknaben
Andrea Meldolla, gen. Schiavone
1543-1545
Die Zeichnung wurde anlässlich der Parmigianino-Ausstellung 1963 auf der Rückseite von Schiavones Radierung „Die Auffindung Mosis" (B.XVI, p. 38, 2 (41); Oberhuber 1963, Abb. 2; A.K Wien 1963, Nr. 199; Richardson 1980, Nr. 2, Fig. 24) entdeckt.
zitiert aus: Veronika Birke, Janine Kertész, Die italienischen Zeichnungen der Albertina. Generalverzeichnis, IV, Wien/Köln/Weimar 1997, S. 2592, Nr. 40105.
Die Auffindung Mose geht, wie Fröhlich-Bum und J. Wilde erkannt haben, auf ein Gewölbebild in den Loggien Raffaels zurück, ist aber in einen derart parmigianinesken Stil umgesetzt, dass die beiden Kunsthistoriker eine Zeichnung des Parmaer Künstlers als Bindeglied vermutet haben. Parmigianino hat während seines römischen Aufenthaltes (1524-27) intensiv die Werke Raffaels studiert und dessen Stil in kurzer Zeit so verinnerlicht, dass ihn die Zeitgenossen laut Giorgio Vasari (Ausg. Milanesi, Bd. 5, 1880, S. 223f.) sogar als Reinkarnation des großen Meisters angesehen haben. Die Vermutung, dass Schiavone eine nicht erhaltene Zeichnung von Parmigianino vorlag, wird K. Oberhuber zufolge durch den Umstand unterstützt, dass eine Wiederholung der Komposition in einer Radierung von Battista del Moro (B. XVI, S. 177, Nr. 1; https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/bartsch_albertina1818bd16/0181/image,info§) existiert, die nicht unbedingt von Schiavone abhängig sei. F. Richardson nimmt hingegen an, dass Battista del Moros Druck auf die Radierung zurückgeht. Mit großer Wahrscheinlichkeit ist das der Fall bei einem Kupferstich von Georges Reverdy (B. XV, S. 466, Nr. 1; https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/bartsch_albertina1813bd15/0470/image,info§), der Schiavones Blatt mit kleinen Veränderungen und hinzugefügter Inschrift gegenseitig wiederholt.
Auf der Vorderseite des Blattes finden sich verschiedene Studien in Tinte, Rötel und Kohle, die K. Oberhuber Schiavone zugeschrieben hat (Albertina Inv. 40105r). F. Richardson meldete jedoch Zweifel an und brachte sie vorsichtig mit Camillo Boccaccino in Verbindung, woraufhin die Zeichnung aus dem Blickfeld der Forschung geraten ist. In der zentralen Kohlestudie der Muttergottes mit Kind sind die Körper aus breiten geschwungenen Linien aufgebaut, die dicht aneinandergesetzt sind und in ihrem rhythmischen Verlauf die Bewegung der Figuren bestimmen. Dieser an Parmigianino erinnernde Linienverlauf und die kontrapostische Bewegtheit der Figuren ist ebenso charakteristisch für Schiavone wie die knochenlose Biegsamkeit und weiche Konsistenz der Körper. Entfernt vergleichbar ist seine Zeichnung mit der Allegorie der Justitia in der Biblioteca Reale in Turin (Dell’Antonio 2010, Kat. 23, fig. 20; https://museireali.beniculturali.it/catalogo-biblioteca-reale/#/dettaglio/880185_Allegoria%20della%20Giustizia§). Boccaccino arbeitet in seinen Blättern hingegen die Körper durch Schraffuren plastischer heraus, lässt diese markanter hervortreten, wohingegen sie auf dem vorliegenden Blatt an die Fläche gebunden werden. Schiavones Autorschaft dieser Studien beweist, dass auch die blaue Tönung und die Lichthöhung bei der Auffindung Mose von dem Künstler stammen. Sie geben der Radierung einen duftigen malerischen Charakter. Offenbar wollte ihr Schiavone die Wirkung einer mit Weiß gehöhten Federzeichnung auf blau grundiertem Papier geben. Die Radierung wird in der Literatur einstimmig in die erste Hälfte der 1540er-Jahre datiert. Es lohnt sich ein Vergleich mit Blättern, die wir zu Beginn der druckgrafischen Tätigkeit eingeordnet haben, wie die heilige Familie oder die Flucht nach Ägypten (Albertina Inv. DG2014/143 und Inv. DG2018/1/40). Während auf diesen die Figuren flächig aufgefasst sind und sich nebeneinanderreihen, wird bei den Frauengestalten in der Auffindung Mose der Körper unter den Gewändern spürbar. Das Auge möchte sie richtiggehend abtasten und umrunden. Die Bewegungen gehen fließend ineinander über, ein Schwung und neue Dynamik hat sie erfasst, was sogar einen Nachhall in den Stoffen findet, durch die ein kräftiger Luftstoß zieht und sie zur Seite wehen lässt. Die Figuren vermögen sich nun um die eigene Achse in die Umgebung hinein zu drehen und dadurch den Raum auszuloten. Es ist ein Stilwandel feststellbar, der sich schon beim Abschied Jesu von Maria (. Achim Gnann und Milan Pelc (Hg.), Andrea Meldolla Schiavone. Printmaking Genius of Mannerism (Kat. Ausst. Museum of Fine Arts, Osijek 2023) Kat. 51-53) angedeutet hat und der in der Kunst Schiavones für die kommenden Jahre bestimmend sein wird. Wahrscheinlich hat er sich um 1543-1544/45 vollzogen.
C. Callegari hat bei der Radierung fünf Zustände nachgewiesen. Das hier besprochene Exemplar repräsentiert den ersten Zustand, in dem der Künstler noch nicht sein Monogramm „AM“ im linken unteren Bereich des Blattes eingefügt hat. Vom zweiten Zustand (Zerner 1979, S. 38; https://permalink.obvsg.at/alb/AC00337331§) unterscheidet sich der Druck zudem dadurch, dass sich am Oberarm und Kleid der Frau ganz links weniger Schraffuren finden, die Wolken anders gestaltet sind, der vom Baum ausgehende Zweig kürzer ist und die von den Blättern im rechten Bereich herabhängenden Fäden noch fehlen.
vgl. Achim Gnann und Milan Pelc (Hg.), Andrea Meldolla Schiavone. Printmaking Genius of Mannerism (Kat. Ausst. Museum of Fine Arts, Osijek 2023) Kat. 54, https://permalink.obvsg.at/alb/AC16965842§).
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