Die Liebenden
André Masson
1927
Masson wurde zunächst von #André Derain und dem Kubismus beeinflusst, ohne jedoch die strenge kubistische Formenlogik bis in ihre letzte Konsequenz zu verfolgen. Die Bildelemente werden durch spielerisch verlaufende, verbindende oder kreuzende Linien aufgelockert und entsprachen in der poetisch freien Gestaltung bald mehr den künstlerischen Intentionen der surrealistischen Bewegung, der er von 1924 bis 1928 angehörte. In diesen Jahren beginnen die Formen einander zu durchdringen, sich in abstrakte Gebilde zu verwandeln. Die suchende Linie als rhythmische Arabeske oder verwirrendes Kurvengefüge wird zum vorherrschenden Ausdrucksmittel, zum "Psychogramm aus dem Unbewußten und Unterbewußten" (Otto Benesch, in: AK André Masson, Wien, Graphische Sammlung Albertina, 1958, S. 3). Mit der spontanen Niederschrift von unvorhergesehenen Assoziationen begann Masson ab ca. 1924 und nannte das Ergebnis dieses Schaffensvorganges "dessins automatiques" (automatische Zeichnungen). In tranceähnlichem Zustand werden Pinsel oder Feder rasch über das Papier geführt, bis sich aus dem Liniennetz einzelne Motive einer Komposition andeuten. Nach Masson sind für diesen suggestiven Prozess zwei wichtige Faktoren maßgebend: Die materielle Voraussetzung bilden Papier und Tinte, die psychische, sich innerlich frei zu machen, um aus dem Unterbewusstsein Unvorhergesehenes aufsteigen zu lassen. Der Automatismus in seiner optimalen Ausprägung könne sich daher nur auf das grafische Medium beschränken, da in der Malerei der leichte Duktus, die Wendigkeit und Schnelligkeit der Tinte nicht nachzuvollziehen wäre (zit. nach: Mèredieu 1988, S. 18).
Die Zeichnung der "Liebenden" von 1927 ist ein charakteristisches Beispiel für Massons "dessins automatiques", in der sich zunächst noch freie kalligrafische Fantasiegebilde aus dem Irrationalem zu einem Thema formen.
zitiert aus: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Christine Ekelhart (Bearb.), Die französischen Zeichnungen und Aquarelle des 19. und 20. Jahrhunderts der Albertina. Beschreibender Katalog der Handzeichnungen in der Albertina, Bd. XI, Wien/Köln/Weimar 2007, S. 488, Nr. 223.
