Kopf eines lächelnden Mädchens
Jean-Baptiste Greuze
um 1765
Die Zeichnung gehört zu den Studien für das Genrebild Das geteilte Mahl (St. Petersburg, Eremitage), und zwar für den Kopf der jungen Mutter. Im Vergleich zu der bühnenhaft arrangierten Szene lassen modellierende Strichlagen, zarte Wischeffekte und weiße Glanzlichter hier das lächelnde Mädchengesicht viel natürlicher und lebendiger wirken. Der Eindruck eines unmittelbar wiedergegebenen Augenblicks wird durch die Frische und Spontaneität der zeichnerischen Ausführung verstärkt. Die Verwendung von schwarzer und weißer Kreide sowie von Rötel, die sogenannte Trois-crayons-Manier, die vor allem zu Watteaus bevorzugter Zeichentechnik gehörte, ist von Greuze in dieser Studie in all ihren Möglichkeiten ausgeschöpft.
Rahmenaußenmaß 56 × 47,9 × 3,9 cm
Das Blatt gehört zu den Vorstudien für das Gemälde "Das geteilte Mahl" (auch bekannt unter dem Titel "Das verwöhnte Kind") der St. Petersburger Eremitage (https://www.hermitagemuseum.org/wps/portal/hermitage/digital-collection/01.%20paintings/37996/§; vgl. AK Albertina/Washington/New York 1984-1986, S. 263). Das Genrebild zeigt eine junge Mutter, die ihrem kleinen Sohn lächelnd zusieht, wie er seine Suppe mit einem Hund teilt. Während die Zeichnung wie auch die ihr vorausgehende Rötelskizze (Privatbesitz; AK New York/Los Angeles 2002, Nr. 31) durch die nahsichtige und flächenfüllende Wiedergabe des Mädchenkopfes eine starke Spontaneität ausstrahlen, gibt das Gemälde eine Genreszene wieder, die in der Idealisierung des alltäglichen Lebens und in der Lieblichkeit der Darstellung dem Zeitgeschmack um 1750 entspricht.
Im Gegensatz zu dem Gemälde zeigt das Blatt der Albertina, das sowohl in der Technik als auch in der monumentalen, unmittelbaren Auffassung an Zeichnungen von #Rubens erinnert, eine freie, ungekünstelte Wiedergabe. Diese wird immer dann spürbar, wenn sich Greuze von dem bühnenhaften Pathos seiner Bildkompositionen löst und spontane Studien nach der Natur zu Papier bringt. Durch modellierende Strichlagen, zarte Wischeffekte und weiße Glanzlichter ist das Gesicht des Mädchens aus dem mit Rötel unterlegten Bildgrund plastisch herausgearbeitet. Die Trois-Crayons-Manier, die vor allem zu #Watteaus bevorzugter Zeichentechnik gehörte, wird von Greuze in dieser Studie in all ihren Möglichkeiten ausgeschöpft: Das Zusammenspiel von dünnen Kohlelinien, gewischten Flächen, freigelassenen Stellen und kräftigen, unruhigen Kreidestrichen suggeriert den stofflichen Eindruck eines faltenreichen Spitzenhäubchens, während die Wirkung der Haarlocken und Schattenpartien durch pastos aufgetragene Kreidelinien erzielt wird.
Außer den beiden Studien für den Kopf des Mädchens hat sich noch eine Zeichnung für die ganze Figur der sitzenden Mutter in der Eremitage in St. Petersburg erhalten (AK New York/Los Angeles 2002, Nr. 30; https://www.hermitagemuseum.org/wps/portal/hermitage/digital-collection/02.%20drawings/307834/§). Während im Albertina-Blatt das Hauptinteresse auf der Wiedergabe der Kopfhaltung und des lächelnden Gesichtsausdruckes liegt, ist die Physiognomie der St. Petersburger Zeichnung eher schematisch angedeutet, da hier die bildhafte Erfassung der gesamten Figur, des Körpers, der Armhaltung und des Sitzmotivs im Vordergrund steht.
Christine Ekelhart, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 150.
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