Otto Dix, Weiblicher Halbakt mit Kette, Inv. Nr.: 29669
Weiblicher Halbakt mit Kette
Otto Dix, Weiblicher Halbakt mit Kette, Inv. Nr.: 29669
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien Copyright: © Bildrecht, Wien 2026

Weiblicher Halbakt mit Kette

Otto Dix

1932




Künstler:in (Untermhaus 1891 - 1969 Singen am Hohentwiel)
Date1932
Object TypeZeichnung
Object typeDrawing
Materials / TechniquesSilberstift auf grundiertem Papier
Dimensions56,7 x 47 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object number29669
SignedM.r. Kreuzmonogramm, darunter "1932"
Text

Die schmalen Lippen und die betonten Tränensäcke, die Schraffuren, die das Gesicht der hageren Frau modellieren und gleichzeitig den Verlauf künftiger Hautfalten markieren, lassen sie wahrscheinlich älter erscheinen, als sie zum Entstehungszeitpunkt der Zeichnung tatsächlich gewesen ist. Der leicht nach außen schielende, aber scharfe Blick, der sich nicht an den Betrachter, sondern in die Ferne richtet, erinnert an Menschen, die schon viel erlebt haben. Die Person der Porträtierten ist unbekannt. Neben expliziten Porträts, zu denen man auch die Mutterdarstellungen nach seiner Ehefrau rechnen kann, treten bei Dix die weiblichen Modelle als Damen der Halbwelt und als Prostituierte auf, oft auch als Sinnbild des körperlichen Verfalls und der tödlichen Gefahren der Promiskuität.
Der Halbakt in unserer Silberstiftzeichnung steht durch die präzise Charakterisierung des Kopfes bei gleichzeitiger Verunklärung des Alters und der Identität der Frau irgendwo zwischen diesen Frauentypen. So wie das ältliche Gesicht zu der eher jugendlich wirkenden Brust verhalten sich die ungepflegt herabhängenden Haare der einen Kopfhälfte zu jenen, die sich an der anderen Hälfte herabwinden und an ihrer Spitze wieder aufrollen. Ebenso kontrastiert die eher ungepflegt wirkende Seite mit dem kostbaren Glänzen der Perlenhalskette, deren Rund gewissermaßen die Grenze zwischen alter und junger Haut bzw. Individuum und anonymer Person anzeigt.
Die Verwendung des Silberstifts auf grundiertem Papier ist eines der Merkmale der Auseinandersetzung von Otto Dix mit der deutschen Kunst um 1500. Als Dix sich bei der Verarbeitung des im Ersten Weltkrieg erlittenen Traumas nicht zuletzt Dank seiner Heirat und Familiengründung 1923 allmählich wieder im bürgerlichen Leben zurechtfindet, nimmt er sich wiederholt der von den alten Meistern gepflegten Vanitas-Thematik an.
Zu dieser Phase der "Selbstkonsolidierung" trägt seine Berufung 1926 an die Akademie der bildenden Künste in Dresden und 1931 zum ordentlichen Mitglied der Preußischen Akademie der Künste bei. Bevor er ab diesem Jahr auch mit altmeisterlichen Zeichentechniken arbeitet, hat er für zahlreiche allegorische Gemälde schon 1924 die Lasurmalerei der Donauschule übernommen und durch zahllose Studien nach der Natur - von Handhaltungen über Kopfstudien zu Faltenwürfen - die Arbeitsschritte der alten Meister wie #Cranach oder #Dürer nachvollzogen. Auch das Kreuzmonogramm, das sich in dieser Form bereits 1928 in der Studie zu einem Mädchenkopf zeigt (Lorenz 2003, Nsk 10.1.2), ist eine deutliche Verbeugung vor den Meistern der deutschen Renaissance.
Unter den seltenen Silberstiftzeichnungen, die ab 1932 entstanden sind, und in denen man die Anzeichen einer inneren Emigration "durch kunsthistorisch sanktionierte Erlesenheit gegen die Unbill der Zeit" erkannt hat (Lorenz 2003, S. 1464), stehen unserem Blatt die Studien zu einem Brustbild des Dichters #Ivar von Lücken (Lorenz 2003, IE 3.1.19, S. 1550) besonders nahe. Abgesehen vom Entstehungsdatum und Zeichenstil teilen sich diese Blätter das Kreuzmonogramm, das an die Form der Kruken- und Hakenkreuze der 30er-Jahre erinnert. Unter ihrem Zeichen wird Otto Dix, angefangen von seiner Amtsenthebung und Diffamierung 1933 über das Ausstellungsverbot 1934 bis zur neuerlichen Einberufung und Kriegsgefangenschaft 1945 bis 1946, seiner Erfolge wieder beraubt werden.

Marietta Mautner Markhof, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 252.

Bibliography
  • AK Albertina 2003/04 a, S. 251-255, mit Abb.
  • Lorenz 2003, Bd. 3, Nsk 12.4.7, S. 1467
  • AK New York 2006/07, S. 273
  • Schröder 2008, Nr. 252 (M. Mautner Markhof)
  • Albertina: Schiele bis Giaccometti , hrsg. von Klaus Albrecht Schröder, Bad Vöslau: Grasl Druck & Neue Medien 2003, Abb.70

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    Last edited07.05.2026