Otto Dix, Porträt Karl Krall, Inv. Nr.: DL62
Porträt Karl Krall
Otto Dix, Porträt Karl Krall, Inv. Nr.: DL62
Credit: ALBERTINA, Wien – Dauerleihgabe der Österreichischen Ludwig-Stiftung für Kunst und Wissenschaft Image: ALBERTINA, Wien Copyright: © Bildrecht, Wien 2026

Porträt Karl Krall

Otto Dix

1923




Künstler:in (Untermhaus 1891 - 1969 Singen am Hohentwiel)
Date1923
Object TypeZeichnung
Object typeDrawing
Materials / TechniquesAquarell, Deckweiß über Graphitstift
Dimensions60,4 x 48,3 cm
CreditALBERTINA, Wien – Dauerleihgabe der Österreichischen Ludwig-Stiftung für Kunst und Wissenschaft
Object numberDL62
Signedr.u. mit Grafitstift "DIX 23"
Text

Otto Dix gilt als einer der profiliertesten Künstler in der Reihe "neusachlicher" Maler, die nach einer in den meisten Fällen durch den Ersten Weltkrieg ausgelösten, tiefgreifenden Erschütterung besonders markante Menschendarstellungen hervorgebracht haben. Neben #George Grosz war auch Dix an der Ausstellung in der Mannheimer Kunsthalle 1925 beteiligt, die der Richtung den Namen gegeben hat. Bis etwa 1919 werden bei ihm das Leiden und die psychischen Abgründe von Menschen durch Formstilisierung ähnlich jenen des Brücke-Expressionismus oder des Kubo-Futurismus gewissermaßen aufgefangen bzw. emotional erträglich gemacht. Als ihn unter dem Eindruck der Nachkriegsgesellschaft mit ihren Kriegskrüppeln und ihrem Verfall der Sitten die Erinnerung an die Gräuel der Schützengräben einholt, wird der umgekehrte Vorgang, die Überspitzung des Details, zum Mittel, ein übermächtiges Gefühl der Bedrohtheit in den Griff zu bekommen. Während drastische Arbeiten zum Weltkrieg entstehen - 1923 vollendet er das einen Skandal auslösende Gemälde "Der Schützengraben", 1924 erscheint "Der Krieg", ein Mappenwerk aus 50 Radierungen -, entwickelt sich ein neuer Porträtstil. Hier wird Naturtreue von einer "selektiven Übergenauigkeit" gebrochen, einer Form der Überzeichnung, die dem Dargestellten einen karikaturhaften Zug ins Künstliche verleiht. In den Menschenbildern wirkt sich dies in einer Mischung aus Entfremdung vom allgemein Menschlichen und der gleichzeitigen Überspitzung so genannter menschlicher Charakterzüge aus, wie vor allem die 1925/26 entstandenen, mittlerweile berühmten Porträts deutlich machen (der Laryngologe Dr. Mayer-Hermann, die Tänzerin Anita Berber, der Dichter Ivar von Lücken, Dix' Tochter Nelly oder sein Selbstporträt, der Fotograf Hugo Erfurth, die Schriftstellerin Sylvia von Harden oder der Kunsthändler Alfred Flechtheim).
Ein Bildnis #Karl Kralls von 1923 (Von-der-Heydt-Museum, Wuppertal) gehört an den Anfang dieser nach bekannten Persönlichkeiten gemalten Bildgruppe. Krall war als Sohn und Erbe eines angesehenen Juweliers gleichzeitig vermögender Kaufmann und Forscher auf dem Gebiet der animalischen Intelligenz, worin er u. a. durch sein Versuchslabor und sein Buch "Denkende Tiere" (1912) internationales Ansehen erworben hatte. Dem Künstler war er daher sowohl als Auftraggeber als auch in seiner Eigenschaft als Forscher verbunden, der durch den Krieg wichtige Grundlagen seines Lebenswerks verloren hatte: Die von ihm in Rechnen und Schreiben nach verschiedenen Methoden ausgebildeten Versuchspferde waren für die Armee requiriert worden und nie mehr zu ihrem Herrn zurückgekehrt.
Während man Krall auf einer zeitgenössischen Fotografie mit seinen Rundgläsern und einem Stehkragen für einen Theologieprofessor halten könnte, wirkt er auf dem Gemälde, zu dem unser Blatt wohl eine Vorstudie ist, eher wie ein Dandy: Die offenkundige Einschnürung seines Leibes durch ein Korsett, das er unter dem Anzug trägt, verformt die Figur aufs Unnatürlichste und stellt ihren weiblich wirkenden Umriss in Kontrast zu dem männlich-haarlosen Kopf. Die Aquarellstudie der Albertina beschränkt sich auf das Brustbild, in dem die Anspielung auf eine mutmaßliche Homosexualität des Porträtierten durch die wie rot geschminkt wirkenden vollen Lippen im Kontrast zum schwarz-bläulich schillernden Tagesbart vorgenommen wird. Eine schrille Steigerung seiner Besonderheit erfährt das Gesicht durch die quasi Verdoppelung des Augenpaares durch die starken Glanzlichter auf den Brillengläsern. Sie verleiht dem Blick des exzentrischen Geschäftsmannes einen Ausdruck hintergründiger Spitzfindigkeit und wacher Sensibilität.

Marietta Mautner Markhof, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 251.

Bibliography
  • Marietta Mautner Markhof, Expressionismus aus der Sammlung Sofie und Emanuel Fohn. Neuerwerbungen der Österreichischen Ludwigstiftung für die Albertina 2. Teil (Kat. Ausst., Albertina, Wien 1998), Wien 1998, Nr. 2, S. 16-17
  • AK Albertina 2003/04 a, S. 250 f., 254, mit Abb.
  • Schröder 2008, Nr. 251 (M. Mautner Markhof)
  • Albertina: Schiele bis Giaccometti , hrsg. von Klaus Albrecht Schröder, Bad Vöslau: Grasl Druck & Neue Medien 2003, Abb.69

  • IIIF Logo IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/objects/94346/portrat-karl-krallImage Request
    Last edited31.05.2022