Zwei Akte im Freien
Otto Mueller
1918-1923
Rahmenaußenmaß 90,6 × 70,2 × 3,6 cm
Badende und im Dickicht eines Waldes posierende Mädchenakte sind das beherrschende Thema im Schaffen Otto Muellers. Die Gestalt dieser jungen Frauen - Männer tauchen in diesen Idyllen selten auf - folgt einem eigenen Kanon aus kurvigen Umrisslinien, die zartgliedrige, braunhäutige Körper mit melodiös ausschwingenden Brüsten, Gesäßen und etwas kantiger ausladenden Hüften formen. An dem Figurentypus dieser Mädchen mit ihren dünnen, häufig nur knapp angedeuteten Armen und Händen, den langen, elegant geschwungenen Beinen, dem vereinfachten Kopftypus mit seinen großen, auf wenige Striche reduzierten Augen und der kappenartigen Haartracht hält Otto Mueller über zwanzig Jahre fest. Karl Scheffler brachte Muellers Typisierung der menschlichen Figur 1919 auf den Punkt: Alle Bilder und Zeichnungen muten an wie Improvisationen. Doch sie sind wohl zugleich Erzeugnisse einer Auslese unter vielen Wiederholungen und Variationen desselben Motivs (Kunst und Künstler, Nr. 17, Berlin 1919, Wiederabdruck in: AK Berlin 1996/97, S. 119-121).
Einen deutlichen Wechsel im Stil des jungen Mannes, der an der Dresdener Akademie in den späten 90er-Jahren des 19. Jahrhunderts studierte, dürfte es außer nach seinem Beitritt zur Künstlergruppe "Brücke" im Jahr 1910 nie gegeben haben. Auch war dieser Beitritt weniger aus einem Willen zum Ausbruch aus der romantischen Tradition #Arnold Böcklins und #Franz von Stucks, die ihn stark beeindruckt hatten, erfolgt, sondern war durch die gemeinsame Zurückweisung Muellers und der Brückemitglieder durch die Berliner Sezession zustande gekommen. Es verwundert daher nicht, dass es bei der Bestimmung der exakten Chronologie seines Œuvres immer Schwierigkeiten gab.
Die vorgeschlagene Datierung des Albertina-Blattes stützt sich vorwiegend auf den Pinselduktus der aufgesetzten schwarzen Wellenlinien, die den ebenso mit dichtem Gestrüpp gefüllten Hintergrund in einer Lithografie von 1918 auf ähnliche Weise beleben ("Landschaft mit vier Badenden"; Karsch 1974, Nr. 112). Die lampenschirmförmige kurze Haartracht, die Mueller bereits in einem ägyptisierenden Holzschnitt von 1912 verwendet hatte (Karsch 1974, Nr. 3) und die wahrscheinlich von der Frisur seiner jungen Frau Maschka inspiriert war, taucht allerdings erst wieder in Lithografien der frühen 20er-Jahre auf.
Marietta Mautner Markhof, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best., Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 229.
