Bacchanal mit Silen (nach Mantegna)
Albrecht Dürer
1494
Dürers erste Auseinandersetzung mit der Kunst der Antike erfolgte über zeitgenössische italienische Druckgrafiken, die in Nürnberg wohl käuflich erworben werden konnten. Besonders beeindruckten ihn die Werke des norditalienischen Malers und Kupferstechers Andrea Mantegna. Von zweien seiner Kupferstiche, dem Kampf der Meergötter, der seinerseits ein antikes Sarkophagrelief wiedergibt, und dem Bacchanal mit Silen, fertigte Dürer 1494 gezeichnete Kopien an. Das Format der Zeichnungen ist mit jenem der Originale fast ident und lässt vermuten, dass Dürer die Vorlagen abpauste. Er übernahm von seinen Vorbildern auch die Darstellung von Lichtsäumen entlang abgedunkelter Körperpartien. Hingegen reduzierte er die landschaftlichen Details auf ein Minimum und konzentrierte sich auf die Figuren. Anders als Mantegna in seinen Kupferstichen bemühte er sich um eine höhere Differenzierung der stofflichen Qualitäten von Haut, Haar und Fell und verstärkte durch feinere Hell-Dunkel-Abstufungen den plastischen Eindruck.
Dürer’s first studies of the art of classical antiquity were carried out based on contemporary Italian prints that were probably available for sale in Nuremberg. He was particularly impressed by the works of the North Italian painter and engraver Andrea Mantegna. In 1494, Dürer drew copies of two of Mantegna’s engravings, The Battle of the Sea Gods, which in turn goes back to the relief on a classical sarcophagus, and the Bacchanal with Silenus. The format of the drawings is almost identical with that of the originals, so that it can be assumed that Dürer made tracings of the prints. He also took over the depiction of halos of light along darkened parts of the body. He concentrated on the figures, however, reducing the landscape details to a minimum. As opposed to Mantegna’s engravings, Dürer was concerned with a greater differentiation of the material qualities of skin, hair, and fur in addition to heightening the three-dimensional impression through finer chiaroscuro gradations.
Beide Blätter "Bacchanal mit Silen" und "Kampf der Meergötter" (Inv. 3061) sind sorgfältigst ausgeführte Zeichnungen nach Kupferstichen von #Andrea Mantegna aus den frühen 1470er-Jahren. Diese beiden Mythologien Mantegnas gehören jeweils einem Paar an, in denen Kompositionen für einen Fries vermutet wurden, akzeptiert wird dies aber heute nur noch für den "Kampf der Meergötter". In einer weiteren Zeichnung Dürers in der Hamburger Kunsthalle, "Der Tod des Orpheus" (W 58) wird ebenfalls eine Kopie nach einem verlorenem und nur in einem ebenfalls in der Hamburger Kunsthalle erhaltenen Stich nach dem Vorbild Mantegnas gesehen, womit Dürers Interesse an Werken dieses italienischen Quattrocentomeisters zusätzlich belegt ist.
Die nahezu idente Übernahme Dürers der Konturlinien von Mantegnas Stichen ließ an eine Übertragung mittels Durchgriffelung oder Pause glauben, wofür allerdings technische Hinweise fehlen. Erst in der Binnenzeichnung hat Dürer seine persönlichen Vorstellungen von Plastizität und Modellierung einfließen lassen: Dort, wo Mantegna auf den Stichen durch diagonal über die Bildfläche verlaufende Parallelschraffuren Plastizität in Reliefform suggeriert, modelliert Dürer mit teils kurzen Federstrichen, Kreuzschraffuren und mit sich manchmal dem Kreisrund annähernden Schraffuren nicht nur Volumen, sondern differenziert auch unterschiedliche Oberflächenstrukturen wie nackte Haut, Fell etc. Abgesehen von der gegenüber Mantegna plastischeren Modellierung der Bacchanten und Meergötter vor einer mit dichter Vegetation gestalteten Hintergrundfolie hat Dürer konsequenterweise durch teilweise eigenständige Variationen und Auflockerung der Pflanzen sowie durch ein höheres Ansetzen der Grundlinie im Hintergrund den Bildraum erweitert und den reliefhaften Charakter des Vorbildes im Sinne eines räumlichen Illusionismus verändert. Es wäre aber unrichtig zu meinen, Dürer hätte mit seinen Zeichnungen nach Mantegna eine Verbesserung des Vorbildes angestrebt; viel mehr treffen zwei verschiedene Auffassungen aufeinander, die einem unterschiedlichem Zeitgeist verpflichtet sind. Die Kupferstiche Mantegnas geben klar eine Orientierung an der Antike und an Sarkophagreliefs und damit eine Bildauffassung des Quattrocento zu erkennen, während sich bei Dürers Zeichnungen im Interesse an der Körperhaftigkeit der Figur und dem sie umgebenden Raum das Cinquecento ankündigt.
Beide Blätter sind im Jahr der ersten Abreise Dürers in den Süden entstanden. Mantegna war mit einer Tochter #Jacopo Bellinis, des Vaters des von Dürer verehrten #Giovanni Bellini, verwandt, was eine Entstehung der Nachzeichnungen in Venedig plausibel machen würde. Möglich ist aber auch, dass Dürer bereits in Nürnberg die weit verbreiteten Stiche Mantegnas gesehen und kopiert hat und dass sie vielleicht sogar den Anstoß für seine erste Reise nach Italien gaben. Interessant ist der Umstand, dass Dürer nur jeweils einen Kupferstich der zwei Vorlagenpaare für seine Nachzeichnungen herangezogen hat. Weder das Gegenstück zu Mantegnas "Bacchanal mit Silen", das "Bacchanal mit dem Weinfass", noch die linke Hälfte des Meergötterkampfes schienen ihn interessiert zu haben. Mantegnas Bacchanalien, die vermutlich eine Textstelle des #Diodorus wiedergeben, unterscheiden sich durch gegensätzliche Figurencharaktere. Den schön gebauten antiken Göttern auf dem "Bacchanal mit Weinfass" stellte er dickleibige, von Trunkenheit und Wollust gezeichnete Bacchanten gegenüber. Offenbar interessierte Dürer eine von menschlichen Schwächen gezeichnete Götterwelt, deren Hässlichkeit und Voluminosität seinem Studium von Plastizität entgegen kamen. Dasselbe Interesse mag Dürer auch bei der zweiten Nachzeichnung geleitet haben: Er wählte nicht etwa die linke Hälfte von Mantegnas auf homerischer Grundlage basierendem "Kampf der Meergötter", sondern die rechte mit wohl geformten Frauenkörpern in anmutigen Posen und miteinander in einen wilden Kampf verwickelten Fabelwesen mit athletisch gebauten männlichen Oberkörpern. Vielleicht sind die beiden Zeichnungen Dürers - zwar wohl nicht in literarischer, aber in künstlerischer Hinsicht - als Gegenstücke aufzufassen, die in der Gegenüberstellung dionysischer und martialischer Leidenschaften das von Beginn an bestehende Interesse des Künstlers an den Temperamenten zum Ausdruck bringen. Dürers Zeichnungen nach Mantegna sollten schließlich motivisch in einzelnen Szenen der "Ehrenpforte" (Inv. DG1935/973) weiterleben, womit den beiden Blättern eine über ihren bloßen Charakter als Nachzeichnungen hinausgehende Bedeutung zugestanden werden muss.
Albrecht Dürer, Ausstellungskatalog, hg. von K. A. Schröder und M. L. Sternath, Albertina, Wien 2003, Abb. 13, S. 144-146.
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