Karl der Große
Albrecht Dürer
1510
Um die hohe Würde zum Ausdruck zu bringen, die Gewänder und Insignien ihrem Träger verleihen, ist diese Zeichnung ganz auf den ebenmäßig-kompakten Umriss hin angelegt, der an eine Glocke erinnert. Eigenhändig und in geradezu feierlichem Ton hat Dürer rechts oben den Gegenstand der Darstellung festgehalten: »Das ist des Heilgen grossen keiser karels habitus.« Da diese Ausführlichkeit für den eigenen Werk-stattgebrauch kaum sinnvoll erscheint, könnte die Zeichnung entweder als Visierung für den Nürnberger Rat als Auftraggeber bestimmt gewesen oder nachträglich verkauft worden sein. In zarten Aquarellierungen sind die verschiedenen Rottöne von Pluviale und Dalmatika sowie die überreichen Vergoldungen angedeutet. Auf diese Weise wird der etwas korpulent wirkende Kaiser Karl der Große (748–814) als blondhaarig und blauäugig wiedergegeben. Somit wurde die Zeichnung offenbar angefertigt, bevor sich der Rat dafür entschieden hatte, den Karolinger als ehrwürdigen, väterlichen Greis darstellen zu lassen. Das Blatt gehört zu einer Reihe von Studien, die Albrecht Dürer 1510 anfertigte. Da dieser Auftrag für Nürnberg sozusagen staatstragenden Charakter hatte, machte man ihm sogar die geheiligten Originale selbst zugänglich. Zu Reichsschwert, Sphaira und Plattenkrone entstanden jeweils eigene Detailstudien (W. 505–507). All dies diente der Vorbereitung für zwei mächtige Tafelbilder mit Darstellungen der Kaiser Karl und Sigismund für eine verschließbare Nische im Schopper’schen Haus, wo die Reichskleinodien alljährlich während ihrer öffentlichen Weisung ruhten. Die beiden vermutlich 1513 vollendeten Kaiserbilder, die Maximilian 1512 in der Entstehung gesehen haben könnte, bildeten nach Reformation und Abschaffung der Heiltumsweisung den Grundstock einer herausragenden städtischen Dürer-Sammlung. Sie sind die einzigen Werke Dürers, die – heute als Leihgaben im Germanischen Nationalmuseum (Inv. Gm 167, 168; Anzelewsky 1971/1991, Nr. 123, 124) – unverändert im Besitz seiner Vaterstadt geblieben sind.
Hrsg. Eva Michel und Maria Luise Sternath, Kaiser Maximilian I. und die Kunst der Dürerzeit, Wien 2012, Abb. 24, S. 174.
