Christus am Ölberg
Albrecht Dürer
1515
Dürer hat sich der Episode des betenden Christus im Garten Gethsemane auffallend oft gewidmet. Sie ist nicht nur eine Schlüsselszene am Beginn der Leidensgeschichte Jesu, die Dürer in allen von ihm geschaffenen Passionszyklen berücksichtigt, sondern sie wurde auch auf mehreren Einzelblättern, unter anderem als Vorzeichnungen zu druckgrafischen Reproduktionen, bildlich festgehalten. Die Zeichnung bereitete eine 1515 im Gegensinn ausgeführte Eisenradierung vor. Diese ist eines der frühesten Beispiele einer Ätztechnik, die von dem Augsburger Waffenschmied #Daniel Hopfer gegen Ende des 15. Jahrhunderts zum ersten Mal für den Ornament- und Bilddruck herangezogen wurde. Insgesamt sechs Radierungen sind von Dürer bekannt; darunter auch die "Große Kanone" (Inv. DG1930/1551). Dürer, der wohl innovativste und experimentierfreudigste Grafiker am Beginn der Neuzeit, nahm sich dieser Technik sicherlich auch wegen ihrer gegenüber dem Holzschnitt und Kupferstich einfacheren Handhabung an. Sie erleichterte das freihändige Zeichnen auf der beschichteten Oberfläche, die der Radiernadel weniger Widerstand entgegensetzte als die harten Druckstöcke anderer Techniken. Jedoch verhinderten vermutlich die Materialeigenschaften dieser Drucktechnik - Eisenplatten rosteten leicht, und die Zahl der Abzüge blieb zunächst beschränkt - eine über experimentelle Versuche hinausgehende Beschäftigung mit ihr.
Die Begebenheit von Christus am Ölberg wird von den Evangelisten Matthäus (Mt 26, 36-46), Markus (Mk 14, 32-42) und Lukas (Lk 22, 39-46) übereinstimmend überliefert. Jesus ließ die Jünger vor dem Garten warten; nur Petrus, Johannes und Jakobus der Ältere sollten bei ihm wachen, wurden jedoch vom Schlaf übermannt, bis sie durch das Nahen Judas' und der Soldaten geweckt wurden. In der dargestellten Szene ist es allerdings noch nicht so weit. Die drei Apostel sind in den Schlaf gesunken. Allein das Moment der Todesangst Christi angesichts der bevorstehenden Leiden steht im Vordergrund. Die weit im Hintergrund von Judas angeführten Soldaten kündigen bereits die bevorstehende Gefangennahme an. Es müsste sich demnach um den Zeitpunkt des dritten Gebets Jesu handeln, in dem er seinen Vater wiederholt bittet, der Kelch möge an ihm vorübergehen. Im Unterschied zu früheren Werken Dürers, etwa dem um 1496/97 ausgeführten Holzschnitt der "Großen Passion" (Inv. DG1934/186), ist der Schlaf der Apostel in den Schatten eines Baumes in den Mittelgrund gerückt. Auf der Radierung ist Christus noch präsenter und unmittelbarer dargestellt als auf der Zeichnung, wo der im Vordergrund sichtbare Hügel eine Art Schwelle bildet. Die Darstellung auf der Zeichnung und der ihr folgenden Radierung wird von einer eigentümlichen Atmosphäre begleitet. Der Schrift zufolge fand das Geschehen in der Nacht gegen Morgen hin statt. Die Dunkelheit wird hier durch ein flackerndes, von der Aureole des Jesuskopfes ausgehendes, Licht bestimmt. Kopf und Hände drücken eindrucksvoll die Todesangst aus, die Jesus angesichts des auf einem Felsen stehenden Kelches und der Erscheinung des Engels als Boten Gottes erfasst. Mehrere weitere Blätter werden im Zusammenhang mit der Zeichnung und der darauf beruhenden Radierung genannt: Auf einer 1515 datierten Zeichnung des Louvre (W 584) sind die schlafenden Jünger vergleichsweise groß und im Vordergrund dargestellt; dieses Blatt stellte vermutlich einen letztlich verworfenen Entwurf zur Albertina-Zeichnung dar. In einem Blatt nur mit der Figur des Jesus in der Albertina (W 598) kann man ebenfalls eine Art Vorstudie sehen, bei der die Pose und Kopfhaltung variiert wird und die an die Lösung der um 1496/97 ausgeführten "Großen Passion" zurückzugreifen scheint. Das voluminöse Gewand, die Art der Wiedergabe des sichtbaren Fußes und der einzelne Felsen in der rechten unteren Ecke sprechen aber für einen engen Zusammenhang zu "Christus am Ölberg", wo auch der angsterfüllte Gesichtsausdruck und damit das Bemühen um ein gewichtiges psychologisches Moment im Zentrum stehen. 1518 sollte Dürer das Thema noch einmal aufgreifen (W 586), wobei er sich auf die Radierung und ihre Vorzeichnung bezog; Letzterer muss daher bei der Erarbeitung des Themas eine wichtige Rolle zugebilligt werden.
Albrecht Dürer, Ausstellungskatalog, hg. von K. A. Schröder und M. L. Sternath, Albertina, Wien 2003, Abb. 134, S. 402.
