Versuchung des heiligen Antonius
Albrecht Dürer
1515
Das Thema des Blattes ist - vergleichbar dem "Traum des Doktors" (Inv. DG1930/1527) - eine Versuchung, die hier in Gestalt eines reizenden nackten Mädchens dem ins Schreiben vertieften Scholaren (mit Tonsur) gegenübertritt. Zum Zeichen ihrer Verworfenheit erscheint die Versucherin in Begleitung eines monströsen Teufels (mit Pansflöte? möglich auch eine Rotte, ein zitherähnliches Saiteninstrument), gerahmt von dessen gezackten Flügeln. Der verführerische Auftritt bleibt dem Opfer selbst unbemerkt, nicht aber dem malerisch daneben gelagerten Greis, der ebenso gebannt wie untätig zuschaut. Die Szene spielt in einem lichten, perspektivisch konstruierten Innenraum, der rechts außerhalb des eigentlichen Bildes in Augenhöhe des Mädchens fluchtet.
Die meisten Details sprechen gegen die übliche Deutung als Versuchung des heiligen Antonius zusammen mit dem Eremiten Paulus. Beide begegnen sich als Greise in der Wildnis, werden nicht gemeinsam versucht, sondern zusammen von einem Raben gespeist (so auch bei Dürer W 182, 183; Bartsch 7, 107). Zudem kennt man den heiligen Antonius nicht im Studierzimmer. Eher handelt es sich - in typisch Dürerscher Redaktion - um das Motiv des in der Einsamkeit und Entsagung des Studiums von libidinösen Anwandlungen heimgesuchten Studenten, wie etwa in Alciati Emblem LXXI "In studiosum captum Amore". Sodann schildert die "Legenda Aurea" den erwähnten heiligen Paulus Eremita als Zuschauer eines vergleichbaren Verführungsversuchs.
Wie beim "Traum des Doktors" handelt es sich um eine Venus-Figur, hier eine Figurine im Habitus der Knidischen Aphrodite (wie gleichfalls in der Wiener Zeichnung der Antonius-Versuchung von 1521, W 884). Es fehlt indes das szenische Milieu eines Studierzimmers, ein "Gehäus": Statt eigentlichen Studiermobiliars erscheinen kubische Kisten, die eher der perspektivischen Organisation des Raums dienen und Priorität vor seiner figuralen Ausstattung hatten. So darf das Blatt als ein gedanklich geprägtes Konstrukt an der "Schnittstelle" zwischen den neuzeitlich rationalisierenden Raumvisionen Dürers und der Erinnerung an die aus dem Heidentum gespeiste Spukwelt des Mittelalters gelten, die in Volksbüchern und Legendensammlungen überdauerte.
Die Echtheit von Signatur und Datum ist gelegentlich - ohne überzeugende Gründe - angezweifelt worden, um das Blatt früher (meist gegen 1502-04) zu datieren, so von Flechsig, Winkler, Panofsky, Strauss. Dafür spricht zwar das souveräne Raumkonzept, das seine stärkste Ausprägung im "Marienleben" (Inv. 3078, 3079, DG 1934/389, DG1934/398, DG1934/405, DG1934/408, DG1934/414; meist um 1502/04) erlebt, nicht aber der Zeichenstil. Dieser arbeitet großenteils mit durchgängigen Parallelschraffuren, die nicht auf plastische Modellierung, sondern Tonwerte abzielen und die sich im Umkreis der Randzeichnungen zum Gebetbuch Kaiser Maximilians (1515) häufen (darin übrigens auch die "Versuchung eines Mönchs": nun - ob seines Alters - durch eine ordentliche Hausfrau, die ihm, von einem ähnlichen Teufel assistiert, Leckerbissen anbietet, Strauss 1515/18). Zeichenduktus und körperlicher Habitus der nackten Frau sind vergleichbar jener des Berliner Blattes von 1514 (W 668).
Albrecht Dürer, Ausstellungskatalog, hg. von K. A. Schröder und M. L. Sternath, Albertina, Wien 2003, Abb. 136, S. 406.
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