Albrecht Dürer, Agnes Dürer als heilige Anna (Vorzeichnung für die "Hl. Anna Selbdritt"), Inv. …
Agnes Dürer als heilige Anna (Vorzeichnung für die "Hl. Anna Selbdritt")
Albrecht Dürer, Agnes Dürer als heilige Anna (Vorzeichnung für die "Hl. Anna Selbdritt"), Inv. Nr.: 3160
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Agnes Dürer als heilige Anna (Vorzeichnung für die "Hl. Anna Selbdritt")

Albrecht Dürer

1519




Agnes Dürer stellte sich wiederholt ihrem Mann als Modell zur Verfügung. So auch für die Figur der heiligen Anna in dieser Hell-Dunkel-Zeichnung, die ein Gemälde der Anna selbdritt, heute im Metropolitan Museum in New York, vorbereitet. Dürer experimentierte parallel zu seiner Arbeit an Gemälden mit solchen Pinselzeichnungen auf farbig grundiertem Papier, um malerische Werte und Kompositionsmöglichkeiten auszuloten. So ist bereits in der Zeichnung der Bereich unterhalb des Kopftuches ausgespart, in dem schließlich Maria und Jesus dargestellt werden sollen. Zeichnungen dieser Art verblieben in Dürers Werkstatt und dienten als Vorlagen und der Dokumentation des eigenen Werks.



Agnes Dürer repeatedly sat for her husband, serving for example as the model for the figure of Mary’s mother in this chiaroscuro drawing made in preparation for the painting of the Virgin and Child with Saint Anne now in the Metropolitan Museum in New York. Parallel to his work on paintings, Dürer experimented with such brush drawings on paper primed in color in order to explore painterly values and compositional possibilities. The passage beneath the headscarf where Mary and the Christ Child were to be portrayed has already been left blank. Drawings of this type remained in Dürer’s workshop, where they continued to serve as models as well as to document his own work.



Künstler:in (Nürnberg 1471 - 1528 Nürnberg)
Date1519
Object TypeZeichnung
Object typeDrawing
Materials / TechniquesPinsel in Grau, Schwarz und Weiß, auf steingrau grundiertem Papier; Hintergrund in Schwarz nachträglich (?) angelegt
Dimensions39,5 x 29,2 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object number3160
Signedr.o. auf aufgeklebtem Papierstück: "1519" und Dürer-Monogramm "AD"
Markingsl.u. Herzog Albert von Sachsen-Teschen (Lugt 174)
Watermarkkein WZ feststellbar
Text

Dieses Blatt ist die einzige bekannte unmittelbare Vorzeichnung zu Dürers "Heilige Anna Selbdritt" (A 147) im Metropolitan Museum in New York. Ein Vergleich dieser Zeichnung mit einem Blatt aus einem Skizzenbuch der Niederländischen Reise (Inv. 22385r) bestätigt, dass Dürers Frau Agnes zu einem etwas früheren Zeitpunkt  Modell gestanden hatte. Nur mit dem Tuschepinsel legte Dürer die Umrisse der großen Form fest. Das Blatt ist charakteristisch für eine Reihe von Porträtzeichnungen Dürers der Periode zwischen 1510 und 1520, als er den Hintergrund seiner Bildniszeichnungen mit Tuschpinsel oder schwarzer Kreide abdeckte, um damit eine plastischere Darstellung des Porträts zu erzielen. Dürer mag seine Frau Agnes wegen ihrer eigenen Kinderlosigkeit als prädestiniert für die Personifizierung der heiligen Anna gesehen haben, die erst in hohem Alter Maria gottgewollt und unbefleckt empfangen hat.
Größte Aufmerksamkeit galt dem weißen Tuch, das kunstvoll den Kopf und teilweise das Gesicht bedeckt und dadurch den direkten und offenen Blick von Agnes noch deutlicher vor Augen führt. Agnes nimmt die heilige Anna der Selbdrittgruppe auf dem Tafelbild vorweg. Es wurde als Andachtsbild von dem wohlhabenden Patrizier und Kaufmann #Leonhard Tucher aus Nürnberg in Auftrag gegeben und von Dürer 1519 vollendet. Nach dessen Tod boten es die Erben zunächst #Maximilian von Bayern an, doch wurde es, übrigens zusammen mit dem heute ebenfalls im Metropolitan Museum aufbewahrten "Salvator Mundi", abgelehnt, da Zweifel an seiner Echtheit bestanden. Erst 1629, nach einem nochmaligen Angebot des mittlerweilen neuen Besitzers #Hans von Furtenbach, war es in den Besitz des Kurfürsten übergegangen. Eine große Zahl an Kopien des Tafelbildes sprechen für seine Berühmtheit; allerdings wurde erst in den letzten Jahrzehnten die lange bestehende Unsicherheit bezüglich der Eigenhändigkeit des Bildes ausgeräumt.
Von Anfang an hatte Dürer die Zeichnung der Albertina nicht allein als Porträt seiner Frau, sondern als Vorstudie zum Tafelbild konzipiert; ausgesparte Stellen rechts und links unten berücksichtigen bereits die Jungfrau Maria und den Jesusknaben. In der Zeichnung klingt auch schon die das Bild bestimmende Pyramidalkomposition an. In dieser und der sonst nicht üblichen Halbfigurigkeit sowie in der starken Nahsichtigkeit und Porträthaftigkeit geht Dürer weit über seit dem Frühchristentum überlieferte und seit dem 14. Jahrhundert verbreitete Bildtypen hinaus. Der Oberkörper Annas wurde bereits auf der Zeichnung als Hintergrundfolie angelegt, dessen äußere Form die Jungfrau und das Jesuskind aufnimmt. Dem entspricht auch ein innerer Zusammenhang der Dreiergruppe, der maßgeblich durch die differenzierte Wiedergabe der Augen der einzelnen Figuren bestimmt wird. Dürer integriert hier menschliche, durch die unterschiedlichen Lebensalter bedingte Erfahrungen in die religiöse Legende. Auf der Zeichnung sind Agnes' Augen aufgrund der Modellsituation noch aufmerksam und wach, während sie als Anna auf der Tafel angesichts des bevorstehenden Schicksales Jesu wissend und schicksalsergeben aus dem Bild blickt. Marias halb gesenkter Blick, der die Schrecken der kommenden Ereignisse noch ausblendet, scheint erfüllt von Zärtlichkeit und Mutterliebe, während die geschlossenen Augen des Jesuskindes Naivität und Unwissenheit zum Ausdruck bringen. Dürer überwindet mit dem der Zeichnung folgenden Tafelbild übrigens auch eigene Lösungen, die in seinem zeichnerischen Werk bereits vorgegeben sind: Auf einer 1512 ausgeführten Zeichnung der Albertina (W 520) werden Anna und Maria mit dem Kind in der Mitte einander gegenübergestellt, womit der Künstler an einen traditionellen Typus anknüpfte. Es wurde versucht, auch für die Jungfrau und den Jesusknaben Zeichnungen geltend zu machen, die als Vorstudien zum Tafelbild gedient haben könnten. Die erst 1520 erfolgte Ausführung eines in diesem Zusammenhang genannten Kinderkopfes in der Hamburger Kunsthalle und die nur entfernte Ähnlichkeit zweier 1515 ausgeführter Mädchenporträts (Stockholm, Nationalmuseum und Berlin, Kupferstichkabinett) sprechen aber gegen diese Vermutungen.

Albrecht Dürer, Ausstellungskatalog, hg. von K. A. Schröder und M. L. Sternath, Albertina, Wien 2003, Abb. 167, S. 478-480.

Catalogue raisonné
  • Tietze/Tietze-Conrat 1933, 136
  • Winkler 574
  • Strauss 1519/5
  • Bibliography
  • Grote 1969, S. 83 f., Abb. 7
  • AK Albertina 1971, Nr. 117
  • AK Nürnberg 1971, Nr. 86
  • AK Nürnberg/New York 1986, Nr. 143
  • Corine Schleif, 'Das pos weyb' Agnes Frey Dürer: Geschichte ihrer Verleumdung und Versuche der Ehrenrettung, in: Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg, 86, 1999, S. 47-79, bes. S. 53
  • AK Oslo 2002, Nr. 19
  • AK Albertina 2003, Nr. 167 (H. Widauer)
  • Strieder 2012, S. 19-20
  • AK Washington 2013, S. 290-291, Nr. 118 (H. Widauer)
  • Maryan W. Ainsworth und Joshua P. Waterman, German Paintings in The Metropolitan Museum of Art, 1350-1600, New Haven/London 2012, S. 113-117, bes. S. 116, unter Nr. 25
  • Anne Röver-Kann und Manu von Miller (Bearb.), Dürer-Zeit. Die Geschichte der Dürer-Sammlung in der Kunsthalle Bremen, München 2012, S. 150, unter Nr. 43
  • Iris Brahms, Zwischen Licht und Schatten. Zur Tradition der Farbgrundzeichnung bis Albrecht Dürer, Paderborn 2016, S. 246
  • AK Albrecht Dürer, Albertina, Wien 2019, S. 463, Kat. 189
  • Provenance
  • wohl Kaiser Rudolf II.
  • Kaiserliche Schatzkammer
  • seit 1783 Kaiserliche Hofbibliothek
  • 1796 an Herzog Albert von Sachsen-Teschen
  • Online resources
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    Last edited24.01.2025