Akelei
Albrecht Dürer
um 1495-1500 (?)
Auf einem Bogen feinsten Pergaments lässt Künstlerhand eine Akelei erblühen. Der Wurzelballen wurde eben erst gestochen, sodass sein feuchtes Erdreich den Grund beschmutzt. Die kleine Rabatte wurde nicht einmal von dem knospenden Hahnenfußstängel und dem nach links wippenden Grashalm gesäubert. Doch täuscht der erste Eindruck spontan erfasster Natur, denn bevor der Maler das Arrangement ins Bild bannte, wurden, zwecks ausgewogenerer Proportionierung, die Stiele der Akelei gekappt und in das Erdreich gesteckt; zudem kombinierte er eine gefüllte Gartenform und eine etwas langstieligere Wildform.
Dass sich Dürer derartigen Naturaufnahmen mit besonderer Hingabe widmete, ist zeitgenössischer Werkstattpraxis geschuldet, die im Arbeiten nach der Natur gleichermaßen Inspirationsquelle wie Fingerübung sah. Mit seinem Namen wird das Blatt mitsamt einer durchwegs auf 1526 datierten Gruppe ähnlicher Arbeiten auch verbunden. Allesamt stammen sie aus dem »Kunstbuch« des Willibald Imhoff, das Dürerwerke nur bester Provenienz enthielt, nämlich aus dem Besitz engster Angehöriger des Meisters.
An der Herkunft aus Dürers Atelier ist also kaum zu zweifeln, doch wurden hinsichtlich der Eigenhändigkeit Bedenken angemeldet (Koreny 1985). Dass unsere Akelei im Vergleich mit Werken wie dem Großen Rasenstück etwas ins Hintertreffen gerät, dürfte der speziellen Technik anzulasten sein, denn das leicht raue Pergament unterbindet zart lasierendes Arbeiten. Abweichungen zu unzweifelhaften Werken Dürers bestehen aber in der oben angesprochenen artifiziellen Inszenierung. Auch die Datierung auf 1526 isoliert die Gruppe von Spätwerken des Meisters, doch wird die Authentizität jener Aufschrift schon länger in Frage gestellt. Auf der Suche nach dem Autor wird man den Blick auf die frühe Dürerwerkstatt richten müssen, wo Hans Baldung Grien, vor allem aber Hans Süß von Kulmbach, zudem ein besonders versierter Meister der Pinselzeichnung, im Wettstreit mit Dürer zu kongenialen Leistungen auf dem Gebiet des Naturstudiums gelangten.
