Tote Blauracke
Albrecht Dürer
um 1500
Die Blauracke ist ein zu Zeiten Dürers noch in ganz Mitteleuropa heimischer Zugvogel, der besonders wegen seines strahlend türkisfarbenen und azurblauen Gefieders fasziniert. Beide Bilder (Inv. 4840 und Inv. 3133) sind auf sehr feines Pergament gemalt. Die auf beiden Darstellungen vermerkte Jahreszahl »1512« ist keine Datierung, sondern, wenn überhaupt authentisch, Zeugnis einer späteren Bestandsrevision Dürers.
Der tote Vogel liegt auf dem Rücken, sodass sein zwischen Türkis, Mintgrün, Gelb und Hellrot changierendes Bauch- und Brustgefieder sichtbar wird. Die leicht geöffneten Flügel zeigen ihre azuritfarbenen Unterseiten. Am Brustgefieder trug Dürer feinste Goldlinien auf, um dessen irisierenden Glanz zu imitieren. Dass der Flügel mit Gewalt abgetrennt wurde, sieht man rechts am Rot der Ausrisswunde. Mit größter zoologischer Präzision zeigt Dürer jedes Detail. Die kleine weiße Lücke im Gefieder der Handdecke oben links weist auf einen Netzfang des Vogels hin, durch den der sich verhakende Daumen und eine Feder des Daumenfittichs ausgerissen wurden.
The migratory blue roller was indigenous to all of Central Europe in Dürer’s time. Its brilliant turquoise and azure plumage holds a special fascination. Both pictures are painted on very fine parchment. The year “1512” inscribed on both works does not indicate when they were painted but are rather, should they be authentic at all, an indication of a later stock audit.
The dead bird lies on its back so that its belly and breast plumage oscillating between turquoise, mint green, yellow, and bright red is visible. The slightly opened wings reveal their azurite undersides. Dürer applied the finest of gold lines on the breast plumage to imitate their iridescent luster. The visible wound on the right of the second depiction of the roller’s wing indicates that it was forcibly severed. Dürer shows every detail with great zoological accuracy. The small white break in the plumage of the primary tectrix at the top left indicates that an alula feather was torn out when the roller was trapped in a net.
Rahmenaußenmaß 53,5 × 45,6 × 6,8 cm
Dürer hat sich auf diesen beiden Pergamentarbeiten (Inv. 3133 und Inv. 4840) im Detail mit der ehemals in ganz Europa beheimateten Mandelkrähe (Coracias garrulus) auseinander gesetzt, die vermutlich wegen ihrer türkisblauen Flügel und krähenähnlichen Laute ("rak, rak, rak") auch Blauracke genannt wird. Heute findet der Zugvogel, dessen Bestand in unseren Breiten aufgrund der stetig fortschreitenden Zerstörung seines Lebensraumes auf ein Minimum geschrumpft ist, nur mehr in Südeuropa ideale Lebensbedingungen vor.
Das Blatt "Tote Blauracke" zeigt den ganzen Vogel von der Unterseite. Vermutlich war er an einer Wand aufgehängt, doch fehlen entsprechende Hinweise der Anbringung, sodass es auch möglich wäre, dass der tote Vogel auf einer planen Fläche gelegen hat. Die Studie des "Blaurackenflügels" (Inv. 4840) zeigt die ausgebreitete Oberseite eines linken Flügels in all seiner farbigen Pracht bei genauester Differenzierung des Gefieders. Auf beiden Studien hat Dürer die Buntheit des Vogels mit akribischer Detailgenauigkeit und größtem Sinn für Oberflächengestaltung herausgearbeitet sowie die Strukturen und Konturen des Federkleides mit überaus zarten Pinselstrichen und, wo es die Feinheit der Darstellung besonders erforderlich machte, auch mit Federstrichen festgehalten.
Während im Falle des toten Tieres die Aufmerksamkeit ganz der Unterseite des Vogels und dem vom Grün ins Blau changierenden Farbton galt, stellt sich der ausgebreitete Flügel als Meisterwerk einer bildmäßigen Inszenierung dar, das auch farbkompositorische Kriterien in die Studie einbezieht: Das Rot der Ausrisswunde verleiht der links unten in den Flügelspitzen ansetzenden und nach rechts führenden Blickführung kompositorischen Halt. Dazwischen werden alle Möglichkeiten farblicher Nuancen festgehalten. Hierin scheint sich Dürers in einem ästhetischen Exkurs seiner 1528 veröffentlichten "Proportionslehre" festgehaltener Satz von der Wahrhaftigkeit der Natur, deren Vorbild den dargestellten Gegenstand erst zum Kunstwerk macht, in bildlicher Hinsicht aufs Vollkommenste zu bestätigen.
Die beiden in Aquarell- und Deckfarbenmalerei auf Pergament ausgeführten Studien waren wegen der Feinheit ihrer Ausführung und ihrer farbigen Wirkung so beeindruckend, dass sie als Prototypen für eine größere Anzahl von Wiederholungen und Varianten durch andere Künstler fungierten. Der eifrigste Kopist und Nachahmer war #Hans Hoffmann, von dem von beiden Blättern jeweils mehrere Fassungen bekannt sind. Hoffmann war zwar Hofmaler am Hof #Kaiser Rudolfs II. in Prag, kannte aber die beiden Albertina-Studien vermutlich schon, noch bevor sie in den Besitz des Kaisers übergingen. Dorthin sind sie aus der Sammlung #Willibald Imhoff des Älteren gelangt, der sie von seinem Großvater #Willibald Pirckheimer, dem Freund Dürers, geerbt hatte. In der kaiserlichen Sammlung wurden beide Studien zusammen mit anderen in ein Kunstbuch eingelegt, das erst nach Eintritt in die Sammlung #Herzog Alberts von Sachsen-Teschen auseinander genommen und auf einzelne Kartons montiert wurde. Einige der Hoffmann'schen Wiederholungen, aber auch Kopien anderer Künstler tragen sogar fälschlicherweise das Monogramm Dürers, und erst eine Ausstellung der Albertina 1985 hat die Situation um Originalität und Nachahmung der verschiedenen Blauracken- und Flügelstudien geklärt. Während die Zuschreibung der beiden Pergamentarbeiten der Albertina aufgrund der Qualität der Ausführung und der Provenienz zweifelsfrei feststeht, ist sich die Forschung über das Monogramm und die Datierung 1512, die auf beiden Arbeiten erscheinen, weniger einig. Jene, die von einer eigenhändigen Signatur auf beiden Studien ausgehen, verweisen auf eine vergleichbare Schreibweise von Monogramm und Jahreszahl auf den etwa zur selben Zeit entstandenen Zeichnungen, Stichen und Gemälden Dürers. Zusätzlich wurde die feine Pinselführung ins Treffen geführt, die in technischer Hinsicht an Dürers Meisterstiche um 1513/14 und hier im Speziellen an die "Melencolia" (Inv. DG1930/1525) herankäme. Andere Autoren nehmen hingegen eine Entstehung zwischen 1496 und 1500 oder eine zeitliche Nachbarschaft zum 1502 entstandenen "Feldhasen" (Inv. 3073) an. Sie sehen in den beiden Studien eine Voraussetzung zu seinen im Frühwerk gehäuft auftretenden Flügeldarstellungen wie zum Beispiel auf dem Kupferstich "Nemesis" von 1501/02 (DG1930/1528) oder der im Berliner Kupferstichkabinett aufbewahrten Zeichnung "Laute spielender Engel" (W 144). Zuletzt wurden auch die Flügel der Putti um den Jesusknaben auf der Mitteltafel des "Paumgartner-Altars" (A 50) oder Flügeldarstellungen auf dem "Löwenwappen mit dem Hahn" (Bartsch 7, 100) als weiteres Argument für eine frühe Datierung um 1500 oder davor angeführt. Zusätzliche Unterstützung erfährt diese Argumentation durch den Helm des genannten Kupferstichs, der auf einer Zeichnung des Louvre vorbereitet scheint und dessen farbige Feinmalerei jener unserer Blaurackenstudien nahe steht. Tatsächlich aber entziehen sich die beiden Pergamentarbeiten einer eindeutigen Datierung und Zweckgebundenheit. Zuletzt hat man Dürers Naturstudien in Zusammenhang mit der "Georaphia" des #Ptolemäus gesehen. Zu Beginn der 90er-Jahre des 15. Jahrhunderts war dieses Werk in deutscher Übersetzung in Nürnberg populär geworden. Ptolemäus unterscheidet in der Einleitung zum ersten Buch zwischen der Geografie als einer Nachbildung des gesamten bekannten Teiles der Erde mittels Zeichnung (vergleichbar mit dem Haupt des Menschen) und der Chorografie, die ein Teilgebiet der Erde mit allen ihren Einzelheiten (vergleichbar mit dem Auge oder dem Ohr des Hauptes) abbildet und gleichermaßen bedeutend ist. Auf unsere Studien übertragen wäre das Blatt "Tote Blauracke" das Ganze und ein repräsentatives Beispiel der Vogelwelt in Dürers Heimat, während der "Blaurackenflügel" (Inv. 4840) im Sinne der ptolemäischen Chrorografie als Teil über das Wesen des Ganzen Auskunft gibt.
Albrecht Dürer, Ausstellungskatalog, hg. von K. A. Schröder und M. L. Sternath, Albertina, Wien 2003, Abb. 72, S. 272-274.
