Sitzendes Paar
Egon Schiele
1915
Rahmenaußenmaß 81,7 × 65,5 × 3,5 cm
1915 wird Egon Schiele für kriegstauglich erklärt. Am 17. Juni, drei Tage bevor der Künstler zu seiner Grundausbildung nach Prag einrückt, heiratet Egon Schiele Edith Harms, nachdem er zuvor deren Schwester Adele in Erwägung zieht. Nach der Ausbildung in Böhmen ist Schiele wieder als Soldat in Wien stationiert, dies gestattet ihm, in der dienstfreien Zeit in seinem Atelier zu arbeiten. Es entstehen einige Blätter, die einerseits biografisch die nicht unproblematische Beziehung zwischen Egon und seiner Frau reflektieren, andererseits den grundsätzlichen existenziellen Pessimismus des Künstlers widerspiegeln
Die Interpretation eines Liebespaares stellt für Schiele inhaltlich eine besondere Herausforderung dar, unabhängig davon, ob es sich um heterosexuelle oder lesbische (vgl. Inv. 31173) Paare handelt. Die in seine Kunst seit 1910 einfließende weltanschauliche Überzeugung, dass der Mensch dem Grunde nach allein ist, wird in dem "Sitzenden Paar" zur Allegorie der Begegnung von Tod und Leben: Ausdruck von Schieles fatalistischem Weltbild, dass nichts die Kluft zwischen Mann und Frau überbrücken kann.
Auch wenn die augenscheinliche physiognomische Belehnung der Frau mit dem Gesicht seiner Gattin Edith die Darstellung eines Liebesaktes nahelegt, steht hier für Schiele der grundsätzliche Zwiespalt zwischen den Geschlechtern im Vordergrund.
Ungeachtet der Wiedererkennbarkeit der Modelle, die nur Stellvertreter und nicht Abdrücke der Wirklichkeit sind, variiert Schiele hier das Scheitern der Verbindung zwischen der Frau und der Puppe. Wie eine kraftlose Gliederpuppe hängt nun der Mann in den Armen der Frau, die sich von hinten an ihn klammert. Formal interessieren Schiele abermals die vielfachen Verschränkungen und Überschneidungen der beiden Körper und ihrer Gliedmaßen. Das totenkopfähnliche Gesicht des Mannes unterfüttert mimisch, was die Glieder des Mannes verkünden: die Unmöglichkeit, den anderen zu halten und dessen Streben nach Nähe und Wärme zu erwidern.
Die feine Aquarellierung des hellen Inkarnats innerhalb der mit einem weichen Bleistift gezeichneten Konturen wird von Schiele spannungsreich gegen die opak-geschlossenen Farbflächen gesetzt. Eine weitere formale Spannung resultiert aus dem prononcierten Gegensatz zwischen den weichen, runden Formen des ocker-gelben Gewands und den aggressiven, rot konturierten Spitzen, die üblicherweise eine Frauen-Unterwäsche darstellen: Hier verdankt sich die zweimal auftauchende zahnschnittartige Gestalt des Untergewandes vor allem innerbildlichen formalen Notwendigkeiten.
vgl. Klaus Albrecht Schröder, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best., Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 218.
