Egon Schiele, Sitzendes Paar, Inv. Nr.: 29766
Sitzendes Paar
Egon Schiele, Sitzendes Paar, Inv. Nr.: 29766
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Sitzendes Paar

Egon Schiele

1915




Künstler:in (Tulln 1890 - 1918 Wien)
Date1915
Object TypeZeichnung
Object typeDrawing
Materials / TechniquesBleistift, Pinsel, Aquarell, Prägestempel auf Papier, auf Karton kaschiert
Dimensions51,8 × 41 cm
Rahmenaußenmaß 81,7 × 65,5 × 3,5 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object number29766
SignedM. u. "EGON / SCHIELE / 1915", umrahmt
Text

1915 wird Egon Schiele für kriegstauglich erklärt. Am 17. Juni, drei Tage bevor der Künstler zu seiner Grundausbildung nach Prag einrückt, heiratet Egon Schiele Edith Harms, nachdem er zuvor deren Schwester Adele in Erwägung zieht. Nach der Ausbildung in Böhmen ist Schiele wieder als Soldat in Wien stationiert, dies gestattet ihm, in der dienstfreien Zeit in seinem Atelier zu arbeiten. Es entstehen einige Blätter, die einerseits biografisch die nicht unproblematische Beziehung zwischen Egon und seiner Frau reflektieren, andererseits den grundsätzlichen existenziellen Pessimismus des Künstlers widerspiegeln

Die Interpretation eines Liebespaares stellt für Schiele inhaltlich eine besondere Herausforderung dar, unabhängig davon, ob es sich um heterosexuelle oder lesbische (vgl. Inv. 31173) Paare handelt. Die in seine Kunst seit 1910 einfließende weltanschauliche Überzeugung, dass der Mensch dem Grunde nach allein ist, wird in dem "Sitzenden Paar" zur Allegorie der Begegnung von Tod und Leben: Ausdruck von Schieles fatalistischem Weltbild, dass nichts die Kluft zwischen Mann und Frau überbrücken kann.
Auch wenn die augenscheinliche physiognomische Belehnung der Frau mit dem Gesicht seiner Gattin Edith die Darstellung eines Liebesaktes nahelegt, steht hier für Schiele der grundsätzliche Zwiespalt zwischen den Geschlechtern im Vordergrund.
Ungeachtet der Wiedererkennbarkeit der Modelle, die nur Stellvertreter und nicht Abdrücke der Wirklichkeit sind, variiert Schiele hier das Scheitern der Verbindung zwischen der Frau und der Puppe. Wie eine kraftlose Gliederpuppe hängt nun der Mann in den Armen der Frau, die sich von hinten an ihn klammert. Formal interessieren Schiele abermals die vielfachen Verschränkungen und Überschneidungen der beiden Körper und ihrer Gliedmaßen. Das totenkopfähnliche Gesicht des Mannes unterfüttert mimisch, was die Glieder des Mannes verkünden: die Unmöglichkeit, den anderen zu halten und dessen Streben nach Nähe und Wärme zu erwidern.
Die feine Aquarellierung des hellen Inkarnats innerhalb der mit einem weichen Bleistift gezeichneten Konturen wird von Schiele spannungsreich gegen die opak-geschlossenen Farbflächen gesetzt. Eine weitere formale Spannung resultiert aus dem prononcierten Gegensatz zwischen den weichen, runden Formen des ocker-gelben Gewands und den aggressiven, rot konturierten Spitzen, die üblicherweise eine Frauen-Unterwäsche darstellen: Hier verdankt sich die zweimal  auftauchende zahnschnittartige Gestalt des Untergewandes vor allem innerbildlichen formalen Notwendigkeiten.

vgl. Klaus Albrecht Schröder, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best., Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 218.

Catalogue raisonné
  • Kallir Drawings 1990/1998, 1788
  • Bibliography
  • AK Berlin 1928, Nr. 266
  • AK Albertina 1968, Nr. 248
  • Koschatzky 1968, Nr. 46
  • Leopold 1972, Tafel 179
  • Comini 1974, Tafel 137
  • Mitsch 1974, Abb. 54
  • AK München 1975, Nr. 229, Abb.
  • Comini 1976, Tafel 137
  • Mizue, 1979, Tafel 46
  • Wilson 1980, Tafel 46
  • AK Hamburg 1981, Nr. 216, Abb.
  • Whitford 1981, Abb. 120
  • Malafarina 1982, Tafel XXX, Nr. D 78
  • Henric 1982, S. 6
  • Nebehay 1983, S. II/17
  • Arnold 1984, S. 49
  • Marchetti 1984, S. 233
  • Friesenbiller 1985, S. 11
  • AK New York 1986, Nr. 112
  • Varnedoe 1986/87, S. 148
  • Hobhouse 1988, Abb. 56
  • Fliedl 1989, S. 165
  • AK Albertina 1990, Nr. 134, Abb.
  • Steiner 1991, S. 68
  • Knafo 1993, S. 146
  • AK Washington u.a. 1994, Tafel 77
  • AK Wien 1995, Nr. 103, Abb.
  • Schröder 1995, S. 35
  • AK Rom 2001/02, Tafel 104
  • Kallir 2003, S. 343
  • AK Albertina 2003/04 a, Nr. 117, Abb.
  • AK Amsterdam 2005, S. 123, Abb.
  • Klaus Albrecht Schröder (Autor und Hg.), Egon Schiele (Kat. Ausst., Albertina, Wien 2005/2006), München, Berlin, London, New York 2005, Nr. 181
  • Klaus Albrecht Schröder in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best., Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 218
  • Helmut Friedel und Helena Pereña (Hg.), Egon Schiele "Das unrettbare Ich". Werke aus der Albertina, Ausst.- Kat. Städtische Galerie im Lenbachhaus München, Köln 2011, Nr. 113
  • Klaus Albrecht Schröder, in: Museo Guggenheim Bilbao (Hg.), Egon Schiele. Obras del Albertina Museum, Viena, (Kat. Ausst., Museo Guggenheim Bilbao, Bilbao 2012/2013), Bilbao 2012, S. 170-171 (in spanischer Sprache)
  • Albertina: Schiele bis Giaccometti , hrsg. von Klaus Albrecht Schröder, Bad Vöslau: Grasl Druck & Neue Medien 2003, Abb.33
  • Albertina: Director's Choice, hrsg. von Klaus Albrecht Schröder, London: Scala Arts & Heritage Publishers Ltd 2017, S.74-75 Abb. (inkl. Text)
  • Kerstin Jesse/Jane Kallir/Hans-Peter Wipplinger (Hg.), Zeiten des Umbruchs. Egon Schieles letzte Jahre 1914-1918 (Ausst. Kat. Leopold Museum, Wien 2025), Köln 2025, Abb. S. 128
  • Provenance
  • 1943 erworben

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    Last edited06.02.2026