Egon Schiele, Schiele mit Aktmodell vor dem Spiegel, Inv. Nr.: 26276
Schiele mit Aktmodell vor dem Spiegel
Egon Schiele, Schiele mit Aktmodell vor dem Spiegel, Inv. Nr.: 26276
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Schiele mit Aktmodell vor dem Spiegel

Egon Schiele

1910




Das Selbstbildnis, das Schiele mit einem Aktmodell vor dem Spiegel zeigt, zählt zu den frühen Meisterwerken des jungen Künstlers. Die Beziehungen zwischen den Figuren, ihrem eigenen Spiegelbild und dem Betrachter sind über wechselseitige Blicke organisiert. Schiele verzichtet auf eine Definition des Raumes; selbst der Spiegel wird aus der Darstellung eliminiert: So wird der leere Raum des Blattes selbst zum Spiegel und erhebt den davor stehenden Betrachter zum eigentlichen Akteur.

Das Spiegelbild wird durch den Blick Schieles zurückgeworfen, der eindringlich den Betrachter fixiert. Dazwischen kommt diese Rückkoppelung mit dem Betrachter in der verführerisch-selbstverliebten Selbstbetrachtung der Frau nur scheinbar zu Ruhe: Auch ihr Blick, der ihrer eigenen Erotik gilt, wird gleich einem Ball zwischen dem Rückenakt und seinem Spiegelbild hin- und hergeworfen.


Künstler:in (Tulln 1890 - 1918 Wien)
Date1910
Object TypeZeichnung
Object typeDrawing
Materials / TechniquesBleistift auf Packpapier
Dimensions55,1 × 35,3 cm (21 11/16 × 13 7/8 in.)
CreditALBERTINA, Wien
Object number26276
Signedr.u. "S. 10."
Text

Die Bleistiftzeichnung, in der Schiele ein Aktmodell, das vor dem Atelierspiegel steht, von hinten zeichnet, ist ein artifizielles Virtuosenstück. Zum einen organisiert Schiele die Beziehung zwischen den Figuren, ihrem eigenen Spiegelbild und dem Betrachter über die Blicke. Zum anderen strukturiert sich die Gruppe über eine "manieristische Raumraffung", wobei jedoch die perspektivische Staffelung von links unten nach rechts oben trotz des rasanten Anwachsens der Gestalten durch die dekorative Flächenbindung der Gesamtkomposition wieder aufgehoben wird.
Die Darstellung eines Modells mit dessen gleichzeitiger Spiegelung ist aus der Kunstgeschichte hinlänglich bekannt. Doch Schiele entwickelt diesen von komplexen Raumverschränkungen lebenden Bildtypus weiter. Er macht den Bildbetrachter, der dem Modell von hinten auf Greifdistanz nahe rückt, zum eigentlichen Thema, indem er den Vorgang des Sehens und Gesehen-Werdens thematisiert. Die in den Hintergrund führende Staffelung der größenmäßig schnell abnehmenden Figuren wird wie das Spiegelbild selbst durch den Blick Schieles zurückgeworfen, der eindringlich den Betrachter fixiert. Dazwischen kommt diese dynamische Rückkoppelung mit dem Betrachter in der verführerisch-selbstverliebten Selbstbetrachtung der Frau nur scheinbar zur Ruhe: Auch dieser, ihrer eigenen Erotik geltende Blick, wird gleich einem Ball zwischen dem Rückenakt und seinem Spiegelbild hin- und hergeworfen.
Die Zeichnung ist das einzige Werk, das Egon Schiele bei der Arbeit zeigt, das Zeichenbrett auf den Knien. Obwohl das Weglassen von Sitz- und Liegegelegenheiten, der Verzicht auf die Definition des Raumes, zu den allgemeinen Wesensmerkmalen der Kunst Schieles zählt, zeitigt die Eskamotierung des großen Atelierspiegels ebenso wie des Ateliers als Ort hier einen besonders überraschenden Effekt. Der Künstler sieht sich gemeinsam mit dem Modell in Rücken- und Vorderansicht vor dem neutralen Grund des Zeichenpapiers. Auf diese Weise befinden sich die Figuren auf derselben innerbildlichen Realitätsebene, als ob sie drei verschiedene Personen wären: Es ist der leere Raum des Blattes selbst, der nach der Eliminierung des Spiegels zum Spiegel wird und den davor stehenden Betrachter zum eigentlichen Akteur erhebt.

Klaus Albrecht Schröder, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best., Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 212.

Catalogue raisonné
  • Kallir Drawings 1990/1998, 737
  • Bibliography
  • AK Wien 1945, Nr. 23
  • Künstler, 1946, Abb. 1
  • AK Albertina 1948, Nr. 72
  • AK Linz 1949, Nr. 91
  • AK Zürich 1958, Nr. 41
  • AK München 1964, Nr. 489
  • AK Wien 1964, Nr. 218, Abb. 40
  • Hofmann 1966, Tafel 49
  • Schwarz 1967, S. 214
  • AK Albertina 1968, Nr. 157, Abb.
  • Koschatzky 1968, Nr. 10
  • Mitsch 1969, Abb. 18
  • Leopold 1972, Tafel 61
  • Comini 1973, Abb. 3 (1974, Abb. 80)
  • Mitsch 1974, Tafel 15
  • Koschatzky 1977, Tafel 16
  • Nebehay 1979, Abb. 29 (1980, Abb. 42)
  • Wilson 1980, Tafel 26
  • Whitford 1981, Abb. 59
  • Zsolnay 1981, nach S. 244
  • Plank 1981, Abb. 29
  • Malafarina 1982, Nr. D 27
  • Sotriffer 1982, S. 190
  • Kuchling 1982, Tafel 1
  • Arnold 1984, S. 45
  • AK New York 1986, Nr. 88
  • Varnedoe 1986/87, S. 175
  • Whitford 1987, S. 73
  • Nebehay 1989, Abb. 112
  • Schmidt 1989, S. 37
  • AK Albertina 1990, Nr. 60, Abb.
  • AK Washington u.a. 1994, Tafel 1
  • Fischer 1994, S. 152
  • Werkner 1994, S. 52
  • Müller-Tamm 1995, Abb. 9
  • Nebehay 1995, S. 65
  • Schröder 1995, S. 113
  • Artinger 1999, S. 60
  • Kallir 2003, S. 135
  • AK Albertina 2003/04 a, Nr. 91, Abb.
  • AK Amsterdam 2005, S. 46, Abb.
  • Klaus Albrecht Schröder (Autor und Hg.), Egon Schiele (Kat. Ausst., Albertina, Wien 2005/2006), München, Berlin, London, New York 2005, Nr. 38
  • Klaus Albrecht Schröder in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best., Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 212
  • Helmut Friedel und Helena Pereña (Hg.), Egon Schiele "Das unrettbare Ich". Werke aus der Albertina, Ausst.- Kat. Städtische Galerie im Lenbachhaus München, Köln 2011, Nr. 71
  • Klaus Albrecht Schröder, in: Museo Guggenheim Bilbao (Hg.), Egon Schiele. Obras del Albertina Museum, Viena, (Kat. Ausst., Museo Guggenheim Bilbao, Bilbao 2012/2013), Bilbao 2012, S. 50-51 (in spanischer Sprache)
  • Albertina: Schiele bis Giaccometti , hrsg. von Klaus Albrecht Schröder, Bad Vöslau: Grasl Druck & Neue Medien 2003, Abb.22
  • Christian Bauer/Bernadette Reinhold (Hg.), Egon Schiele und Oskar Kokoschka. Netzwerker und Rivalen (Ausst.-Kat. Kokoschka Museum Pöchlarn 2026/Egon Schiele Museum Tulln 2026), München 2026, S. 49 (Abb. 21)
  • Provenance
  • 1932 erworben von Heinrich Benesch (1862-1947), Wien

  • IIIF Logo IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/objects/7711/schiele-mit-aktmodell-vor-dem-spiegelImage Request
    Last edited01.07.2026