Schiele mit Aktmodell vor dem Spiegel
Egon Schiele
1910
Das Selbstbildnis, das Schiele mit einem Aktmodell vor dem Spiegel zeigt, zählt zu den frühen Meisterwerken des jungen Künstlers. Die Beziehungen zwischen den Figuren, ihrem eigenen Spiegelbild und dem Betrachter sind über wechselseitige Blicke organisiert. Schiele verzichtet auf eine Definition des Raumes; selbst der Spiegel wird aus der Darstellung eliminiert: So wird der leere Raum des Blattes selbst zum Spiegel und erhebt den davor stehenden Betrachter zum eigentlichen Akteur.
Das Spiegelbild wird durch den Blick Schieles zurückgeworfen, der eindringlich den Betrachter fixiert. Dazwischen kommt diese Rückkoppelung mit dem Betrachter in der verführerisch-selbstverliebten Selbstbetrachtung der Frau nur scheinbar zu Ruhe: Auch ihr Blick, der ihrer eigenen Erotik gilt, wird gleich einem Ball zwischen dem Rückenakt und seinem Spiegelbild hin- und hergeworfen.Die Bleistiftzeichnung, in der Schiele ein Aktmodell, das vor dem Atelierspiegel steht, von hinten zeichnet, ist ein artifizielles Virtuosenstück. Zum einen organisiert Schiele die Beziehung zwischen den Figuren, ihrem eigenen Spiegelbild und dem Betrachter über die Blicke. Zum anderen strukturiert sich die Gruppe über eine "manieristische Raumraffung", wobei jedoch die perspektivische Staffelung von links unten nach rechts oben trotz des rasanten Anwachsens der Gestalten durch die dekorative Flächenbindung der Gesamtkomposition wieder aufgehoben wird.
Die Darstellung eines Modells mit dessen gleichzeitiger Spiegelung ist aus der Kunstgeschichte hinlänglich bekannt. Doch Schiele entwickelt diesen von komplexen Raumverschränkungen lebenden Bildtypus weiter. Er macht den Bildbetrachter, der dem Modell von hinten auf Greifdistanz nahe rückt, zum eigentlichen Thema, indem er den Vorgang des Sehens und Gesehen-Werdens thematisiert. Die in den Hintergrund führende Staffelung der größenmäßig schnell abnehmenden Figuren wird wie das Spiegelbild selbst durch den Blick Schieles zurückgeworfen, der eindringlich den Betrachter fixiert. Dazwischen kommt diese dynamische Rückkoppelung mit dem Betrachter in der verführerisch-selbstverliebten Selbstbetrachtung der Frau nur scheinbar zur Ruhe: Auch dieser, ihrer eigenen Erotik geltende Blick, wird gleich einem Ball zwischen dem Rückenakt und seinem Spiegelbild hin- und hergeworfen.
Die Zeichnung ist das einzige Werk, das Egon Schiele bei der Arbeit zeigt, das Zeichenbrett auf den Knien. Obwohl das Weglassen von Sitz- und Liegegelegenheiten, der Verzicht auf die Definition des Raumes, zu den allgemeinen Wesensmerkmalen der Kunst Schieles zählt, zeitigt die Eskamotierung des großen Atelierspiegels ebenso wie des Ateliers als Ort hier einen besonders überraschenden Effekt. Der Künstler sieht sich gemeinsam mit dem Modell in Rücken- und Vorderansicht vor dem neutralen Grund des Zeichenpapiers. Auf diese Weise befinden sich die Figuren auf derselben innerbildlichen Realitätsebene, als ob sie drei verschiedene Personen wären: Es ist der leere Raum des Blattes selbst, der nach der Eliminierung des Spiegels zum Spiegel wird und den davor stehenden Betrachter zum eigentlichen Akteur erhebt.
Klaus Albrecht Schröder, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best., Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 212.
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