Schädelstätte
Ernst Fuchs
1950
Zwischen den beiden großen Zeichnungen Schädelstätte und Metaphysik der Liebe bestehen einige Parallelen: Der dürre Würdenträger, ein geflügeltes Wesen, das Streichinstrument und die Ansammlung von Kreaturen und Gegenständen im Vordergrund sind in beiden Arbeiten gegeben. Die Darstellung ist eine der komplexesten Kreuzigungsszenen der europäischen Nachkriegskunst, in der der junge Künstler die Schoa, die Vernichtung der Juden im Nationalsozialismus, thematisiert und der Kirche Mitschuld gibt an der Katastrophe für das jüdische Volk. Die Mitra des Gekreuzigten verweist auf das Schweigen der Kirche während der Herrschaft des Nationalsozialismus. Zwei weitere Kleriker, der eine ein offensichtlich toter Papst, bewaffnete unheimliche Wesen und ein Wehrmachtssoldat umstehen die Kreuzigung. Eine nackte weibliche Figur und ein Hermaphrodit musizieren zum Geschehen. Unter dem Kreuz stehen das Lamm Gottes und der Kelch, in dem das Blut Christi aufgefangen werden soll. Doch beide sind nicht mit dem Hauptgeschehen in Zusammenhang gebracht. Im Aufgreifen der mittelalterlichen »lebenden Kreuze«, mit denen Juden als Mörder Christi diffamiert wurden, gelingt Fuchs die anklagende Neuinterpretation und Umkehrung einer alten antijüdischen Ikonografie.
Rahmenaußenmaß 140,1 × 87 × 5,4 cm
