Hans Baldung gen. Grien, Die Hexen, Inv. Nr.: DG1931/87
Die Hexen
Hans Baldung gen. Grien, Die Hexen, Inv. Nr.: DG1931/87
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Die Hexen

Hans Baldung gen. Grien

1510




Künstler:in (Schwäbisch Gmünd 1484/85 - 1545 Straßburg)
Date1510
Object TypeDruckgraphik
Object typePrint
Materials / TechniquesClair-obscur-Holzschnitt in zwei Platten (graubeige)
DimensionsBlatt: 37,2 × 25,5 cm
Rahmenaußenmaß: 57,2 × 43,2 × 4 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object numberDG1931/87
SignedM.r. auf Täfelchen ".HBG.", M.r. in der Baumrinde "[Rebblatt] / 1510"
Text

Nachdem Hans Baldung Grien von 1503 bis etwa 1507 als Geselle in der Werkstatt Dürers gearbeitet hatte, kehrte er 1509 nach Straßburg zurück, wo er das Bürgerrecht erwarb. 1510 trat er in die dortige Malerzunft ein, erhielt das Meisterrecht und gründete eine eigene Werkstatt. In diesem Jahr seiner Etablierung als Künstler schuf er das einzigartige, faszinierende Blatt Die Hexen.

Es ist sein wohl erster selbständiger Holzschnitt, in dem er zugleich die neue Clair-obscur-Technik zur Anwendung brachte. Der Druck war vermutlich einem kleinen, auserlesenen Publikum vorbehalten. Wie G. Radbruch (1950) gezeigt hat, war in humanistischen Kreisen und der geistlichen Oberschicht Straßburgs der Hexenglaube weit verbreitet. 1487 erschien dort die Erstausgabe des Hexenhammers, in der Hexenprozesse erwähnt wurden, die in verschiedenen Städten des Elsass stattgefunden hatten. 1516 wurde eine Sammlung von Hexenpredigten unter dem Titel Die Emeis (Die Ameise) veröffentlicht, die wahrscheinlich von dem populären Straßburger Prediger Johannes Geiler von Kaisersberg stammte, für den Baldung verschiedene Holzschnitte geschaffen hat.

Das Thema wurde in der Stadt mit großem Interesse dis kutiert und somit fiel das Erscheinen von Baldungs unheimlich-grauenerregendem Holzschnitt auf fruchtbaren Boden.

Gezeigt sind Hexen bei ihren Vorbereitungen für den Hexensabbat. Zwischen Knochen und Schädeln, die im Kessel zur Salbe ausgekocht werden, hockt eine Hexe, die einen Deckel auf einen Topf drückt, aus dem ein giftiger, mit krötenartigem Getier angereicherter Dampfstrahl emporschießt. Hinter ihr reißt ein altes, ausgemergeltes Weib ein Tuch in die Höhe, vielleicht ein Segel für den Hexenflug (Radbruch 1950, S. 43). In der rechten Hand balanciert sie einen Teller mit ekelerregenden gebratenen Vögeln. Eine wie in Dürers Kupferstich (B. 67) verkehrt herum auf einem Ziegenbock reitende junge Hexe hält eine Ofengabel mit einem Topf zwischen den Zinken und lässt den Inhalt im Dampf garen. Zum Reiseproviant gehören möglicherweise auch die über eine Ofengabel gelegten Würste am linken Rand. Das wirre, chaotische Treiben der Hexen gewinnt insofern an Übersichtlichkeit, als Baldung alle Details klar herauszeichnet und die Komposition durch verschiedene Dreiecksformen sowie durch horizontale und vertikale Bildelemente klar strukturiert. Das beklemmend Dämonische des Sujets wird zudem durch das Reizvolle und Phantastische der Bildmotive abgemildert, die Staunen beim Betrachter hervorrufen. Hinzu kommt die offene Erotik, mit der Baldung seine Frauengestalten in gewagten Posen und mit üppigen und überaus sinnlichen Körpern wiedergibt. Sie kokettieren nicht mit dieser Erotik, sondern agieren unmittelbar emotional, leben ihre Triebhaftigkeit ungehemmt aus. Das neue Thema hat auch andere deutsche Künstler beschäftigt, wie etwa Dürer in dem erwähnten Kupferstich oder Altdorfer in einer Helldunkelzeichnung von um 1506 in Paris (Söding 2001–2002, Abb. 14), die motivische Parallelen mit dem Clair-obscur Holzschnitt aufweist.

Auch Baldung hat sich erneut verschiedentlich mit Hexendarstellungen befasst, darunter in einer Reihe von Zeichnungen von 1514 bis 1515, von denen er ein Blatt in der Albertina (Inv. 3220) als Neujahrsgruß für einen geistlichen Würdenträger geschaffen hat. Derartige fein ausgeführte Federzeichnungen mit Weißhöhung auf farbigem Grund ahmt der Clair-obscur-Holzschnitt nach. Von diesem existieren auch Drucke des Linienschnitts ohne die Tonplatte. Im reinen Holzschnitt erscheint die Darstellung zwar vollständig, doch hatte Baldung gewiss von Anfang an eine Ergänzung mit Farbe vorgesehen. Erst durch die Lichter der Tonplatte, die sich mit den Linien der Strichplatte harmonisch zusammenfügen, erhalten die Körper Fülle und Rundung. Die Lichthöhungen werden an prononcierten Stellen aus breiten Flecken gebildet, aus denen sich dünne Linien fasrig herauslösen. Ähnlich gebildet sind die Lichter in Cranachs Christophorus oder der Ruhe auf der Flucht (Sammlung Baselitz, AK Wien 2013, Kat. 5,6; Inv. DG1929/119), auf dessen früheste Clair-obscur-Holzschnitte Baldung somit unmittelbar reagiert. Der graue oder gelbbräunliche Farbton der Tonplatte steigert zudem die düster-makabre Wirkung der Szene. Ferner sei auf ein weiteres Detail hingewiesen, das sich erst durch die hinzugefügte Tonplatte ergibt. Auf dem Konvexspiegel und dem am Boden stehenden Topf scheint sich die Scham der sitzenden Frau zu spiegeln. Es entspricht ganz dem Denken des Künstlers, mit derart zweideutigen erotischen Anspielungen zu operieren. Dass Baldung derartige Motive verwendete, belegen zwei Kopien in Karlsruhe und in München (Frankfurt 2007, Abb. 75, 76) nach Gemälden Baldungs, in denen eine Frauengestalt ganz explizit mit Hilfe eines Konvexspiegels ihre Scham betrachtet.

In der Literatur werden von dem Clair-obscur-Holzschnitt verschiedentlich Exemplare mit zwei Tonplatten erwähnt, die dem Autor jedoch nicht im Original bekannt geworden sind. 

 AK: Achim Gnann, In Farbe! Clair-obscur-Holzschnitte der Renaissance. Meisterwerke aus der Sammlung Georg Baselitz und der Albertina in Wien, München 2013, Abb. 10, S. 49-50.

 

Literatur: Seibt 1891, S. 31; Curjel 1923, S. 46, 52; Reichel 1926, S. 53f., Taf. 11; Geisberg 1930, Nr. 121; Karlsruhe 1959, II H, Nr. 76; Strauss 1973, Nr. 32; Mende 1978, Nr. 16; Washington und New Haven 1981, Kat. 18 (Text v. D. Lettieri); The Illustrated Bartsch 1981, Bd. 12, S. 59; Hébert 1982, Nr. 1388a; Bartrum 1995, Nr. 54–55; Freiburg 2001– 2002, Kat. 34 (Text v. S. Bock und S. Durian-Ress); Söding 2001–2002, S. 44ff.; Braunschweig 2003–2004, Kat. B., Nr. 1, 2; Hult 2005, S. 75ff.; Berlin 2006, Kat. 79 (Text v. U. B. Ullrich); Frankfurt 2007, Kat. 6–8; Wien 2012–2013a, Kat. 68

Catalogue raisonné
  • Bartsch VII.319.55
  • Mende 16
  • Le Blanc II.324.46, Hollstein German II. 235
  • Bibliography
  • Achim Gnann, AK, In Farbe! Clair-obscur-Holzschnitte der Renaissance. Meisterwerke aus der Sammlung Georg Baselitz und der Albertina in Wien, München 2013, S. 49-51, Nr. 10
  • AK The Print, Albertina Wien 2022, Kat. 28
  • Provenance
  • Albertina, Altbestand

  • IIIF Logo IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/objects/93090/die-hexenImage Request
    Last edited06.06.2025

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