Rembrandt Harmensz. van Rijn, Die drei Kreuze, Inv. Nr.: DG1926/1659
Die drei Kreuze
Rembrandt Harmensz. van Rijn, Die drei Kreuze, Inv. Nr.: DG1926/1659
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Die drei Kreuze

Rembrandt Harmensz. van Rijn

1653




Künstler:in (Leiden 1606 - 1669 Amsterdam)
Date1653
Object TypeDruckgraphik
Object typePrint
Materials / TechniquesKaltnadel; Japanpapier
DimensionsBlatt: 38,9 × 45,2 cm
Platte: 38,5 × 45 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object numberDG1926/1659
Edition4. Zustand (Seidlitz, Hollstein); 4. Zustand (New Hollstein)
Text

Künstlerisch wie technisch gesehen gilt die monumentale Kaltnadelarbeit "Die drei Kreuze" als Rembrandts anspruchsvollstes druckgraphisches Projekt. Gemeinsam mit ihrem vermutlichen Pendant "Christus wird dem Volk vorgeführt" von 1655 (Inv. DG1926/1646, DG1926/1651) und dem "Hundertguldenblatt" (Inv. DG1926/1640) zählt die in vier Druckzuständen dokumentierte Arbeit - gezeigt werden hier der dritte (Inv. DG1926/1657) und der vierte Zustand - zu den Höhepunkten in Rembrandts druckgraphischem Œuvre. In den grundlegenden Änderungen der verschiedenen Druckzustände manifestiert sich Rembrandts ständiger Drang zum Experiment bei einem Höchstmaß an Erfindungskraft und Virtuosität. Das, der Kaltnadeltechnik eigene, unmittelbare Arbeiten auf der Kupferplatte in einem bis dahin ungekannt großen Format stellte auch physisch eine extreme Herausforderung dar und setzte ein hohes Maß an Konzentration wie auch an handwerklicher Kontrolliertheit voraus.
Bei dem für seine Zeit  ungebräuchlichen Motiv eines dicht bevölkerten Kalvarienberges griff Rembrandt auf verschiedene druckgraphische Beispiele des 16. Jahrhunderts zurück. Diese Anregungen aus der Vergangenheit bildeten den Ausgangspunkt zu einer sehr persönliche, visionäre Interpretation des Themas: die Wiedergabe der in der Bibel beschriebenen Naturerscheinungen, die der Tod des Gekreuzigten ausgelöst hatte und die Rembrandt unmittelbar zu den tiefen Erschütterungen der umstehenden Menschen in Beziehung setzte. Dabei ging er vor allem von der Beschreibung im Evangelium des Lukas (23, 44-49) aus: "Und es war schon um die sechste Stunde, da kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde, und die Sonne verlor ihren Schein und der Vorhang des Tempels riss mitten entzwei und Jesus rief laut: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hand! Und als er das gesagt hatte, verschied er. Als aber der Hauptmann sah, was geschah, pries er Gott und sagte: Dieses ist wirklich ein gerechter Mensch gewesen! Und als alle Leute, die zum Zuschauen gekommen waren, sahen, was geschah, schlugen sie an ihre Brust und kehrten wieder heim. Alle seine Bekannten standen aber etwas entfernt, auch die Frauen, die ihm aus Galiläa gefolgt waren, und sahen das alles."
Aus dem düsteren aufgewühlten Himmelsbereich fällt ein breiter Lichtkegel auf die Hauptszene, deren überragender Mittelpunkt der Gekreuzigte bildet; im Randbereich der Strahlenbündel befinden sich auf beiden Seiten die Schächer. Wie in mittelalterlichen Darstellungen sind die Füße des Opfers nicht über-, sondern nebeneinander mit je einem Nagel ans Kreuzholz geschlagen, was eine gestreckte, symmetrische Stellung des Körpers zur Folge hat. Auf diese Weise wird der Triumph der erlösten Christusfigur betont, die sich, erhaben über dem irdischen Chaos, prägnant vom himmlischen Lichtschein abhebt. Links vor dem Kreuz kniet, umgeben von seinen Landsleuten, der Hauptmann, zur rechten Seite sieht man die Gruppe der trauernden Jünger und der am Boden kauernden Frauen. Dramatische Akzente setzen im Vordergrund die Zuschauer, die sich in Panik vom Geschehen entfernen. So bewegen sich zwei Männer in der vorderen Mitte, vielleicht jüdische Schriftgelehrte, mit großer Eile in die Richtung eines schwarzen Erdlochs, während links vorne ein zutiefst ergriffener Mann von zwei Personen weggeführt wird. Andere wiederum sind zu Boden gestürzt oder halten sich die Hände vor die Augen. Die Kontrastwirkungen des theatralischen Helldunkels reichen von den aufflackernden, entsetzten Gesichtern bis zu den großflächig angelegten, schlaglichtartig beleuchteten Partien.  
Was Rembrandt dazu bewogen hat, die Platte im vierten Zustand grundlegend zu ändern, ist nicht bekannt. Jedenfalls verwandelten diese extremen Änderungen die Szene in ein höchst dramatisches Nachtstück, dessen gewagte Abstraktion und visionäre Kraft unerreicht geblieben sind. Der Großteil der Figuren wurde entfernt und durch  neue, schematisch definierte Gestalten ersetzt; nur die Christusfigur, der Schächer zu seiner linken Seite und einer der fliehenden Männer im Vordergrund blieben erhalten. Ein dichtes Gefüge von langen, parallel verlaufenden Linien verdunkelt die Szene wie ein heftiger Regenguss, sodass - vor allem in den stark eingefärbten Exemplaren - die weiter entfernten Zuschauer praktisch nicht mehr erkennbar sind. Die links vom Kruzifix befindliche Profilgestalt eines Reiters mit auffälliger Kopfbedeckung wurde einer Medaille mit dem Reiterbildnis des #Gian Francesco Gonzaga entnommen, die um 1440 von #Antonio Pisano (genannt Pisanello) geschaffen worden war. Die Rolle dieser rätselhaften Renaissancegestalt blieb bis heute ungeklärt.
Für Rembrandt war die Produktion dieser Kaltnadelarbeit durch die teuren Materialien - der großen Kupferplatte, die zuweilen erlesenen Papiersorten und die extrem kostbaren, hauptsächlich für den ersten Zustand verwendeten Pergamentbögen  - mit einem hohen finanziellen Aufwand verbunden; hinzu kam die technisch bedingte niedrige Auflage. Umso deutlicher wird erkennbar, wie viel ihm an diesem Projekt gelegen sein muss, dem er sich mit großer Besessenheit gewidmet hat.

Das Zeitalter Rembrandts, Ausstellungskatalog, hg. von K. A. Schröder und M. Bisanz-Prakken, Albertina, Wien, Ostfildern 2009, Abb. 69, S. 152-153.

Catalogue raisonné
  • Bartsch 1797 78
  • Hollstein Dutch & Flemish XVIII.43.B 78 IV.
  • White/Boon B 78 IV
  • New Hollstein Dutch & Flemish (Rembrandt text) II.222.274 IV
  • Bibliography
  • AK Albertina 1970/71, Nr. 232, Taf. 71
  • AK Berlin u. a. 1991/92, Bd. 2, Nr. 35 (H. Bevers)
  • White 1999, S. 77-88
  • AK Amsterdam/London 2000/01, Nr. 73 (E. Hinterding)
  • AK Boston/Chicago 2003/04, Nr. 168-171 (C. S. Ackley)
  • AK Albertina 2004, Nr. 123
  • AK Milwaukee 2005, Nr. 43
  • Hinterding 2008, Bd. 1, S. 171-174 (unter Nr. 64)
  • Klaus Albrecht Schröder/Marian Bisanz-Prakken (Hg.), Das Zeitalter Rembrandts, (Aust. Kat. Albertina, Wien 2009), Ostfildern 2009, S.152-155
  • AK The Print, Albertina Wien 2022, Kat. 74
  • Provenance
  • Hofbibliothek

  • IIIF Logo IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/objects/93097/die-drei-kreuzeImage Request
    Last edited18.07.2022

    Rembrandt Harmensz. van Rijn, Die drei Kreuze, Inv. Nr.: DG1926/1657
    Rembrandt Harmensz. van Rijn
    1653
    Rembrandt Harmensz. van Rijn, Die drei Kreuze, Inv. Nr.: DG1926/1655
    Rembrandt Harmensz. van Rijn
    1653
    Rembrandt Harmensz. van Rijn, Die drei Kreuze, Inv. Nr.: DG1926/1658
    Rembrandt Harmensz. van Rijn
    1653
    Rembrandt Harmensz. van Rijn, Die drei Kreuze, Inv. Nr.: DG1926/1660
    Rembrandt Harmensz. van Rijn
    1653
    Rembrandt Harmensz. van Rijn, Die drei Orientalen, Inv. Nr.: DG1926/221
    Rembrandt Harmensz. van Rijn
    1641
    Rembrandt Harmensz. van Rijn, Die Landschaft mit den drei Bäumen, Inv. Nr.: DG1926/363
    Rembrandt Harmensz. van Rijn
    1643
    Rembrandt Harmensz. van Rijn, Die drei Hütten, Inv. Nr.: DG1926/370
    Rembrandt Harmensz. van Rijn
    1650
    Rembrandt Harmensz. van Rijn, Die drei Hütten, Inv. Nr.: DG1926/367
    Rembrandt Harmensz. van Rijn
    1650
    Rembrandt Harmensz. van Rijn, Die drei Hütten, Inv. Nr.: DG1926/368
    Rembrandt Harmensz. van Rijn
    1650
    Rembrandt Harmensz. van Rijn, Landschaft mit drei Bauernhäusern, Inv. Nr.: DG1926/369
    Rembrandt Harmensz. van Rijn
    1650