Jesus begegnet seiner Mutter (Karton zur vierten Station der Kreuzwegfresken in der Pfarrkirche St. Johann Nepomuk, Wien II)
Josef von Führich
1843/44
Grundlage für die nicht ausdrücklich bezeugte Begegnung von Christus mit Maria am Kreuzweg ist das Lukas-Evangelium, das von Jesus nachfolgenden Frauen berichtet: „Es folgten ihm aber ein großer Haufen Volks und Frauen, die klagten und beweinten ihn. Jesus aber wandte sich um zu ihnen und sprach: Ihr Töchter von Jerusalem, weinet nicht über mich, sondern weinet über euch selbst und über eure Kinder.…“ (23, 27 f.). Unter den hier erwähnten Frauen wurden immer Maria und zwei oder mehrere Begleiterinnen verstanden. Ausschmückende Elemente erfuhr diese Begegnung in der Passionsmystik des 14. Jahrhunderts, etwa in den Visionen der heiligen Birgitta von Schweden oder in der „Vita Jesu Christi redemptoris nostri“ von #Ludolf von Sachsen. Auch wenn sich Führich motivisch nicht unmittelbar auf diese Texte bezog, so könnten sie für ihn dennoch eine gewisse Inspirationsquelle dargestellt haben.
Ist die Trauer Mariens im Prager Kreuzweg (vgl. Akademie der bildenden Künste Wien, Kupferstichkabinett, Inv.-Nr. 29067) noch still verhalten, so steigert Führich diese im monumentalen Kreuzwegfresko der Johann-Nepomuk-Kirche zu einem ausdrucksvollen Pathos. Maria erscheint mit ausgestreckten Armen am Rande einer Ohnmacht zu stehen und wird von den sie dicht umringenden Marien und Johannes gestützt. Die im Vordergrund kniende Rückenfigur der Maria Magdalena, die mit beiden Armen Maria umfasst, weist wirkungsvoll auf die zentrale Leidensfigur hin. Ihre Haltung zeigt Affinitäten zu der im Vordergrund knienden Rückengestalt in #Raffaels "Borgobrand" in den Stanzen des Vatikan; neben der Tapisserienserie für die Sixtinische Kapelle zählt dieser Wandbilderzyklus zu den von den Nazarenern meistbeachteten und auch kopierten Werken Raffaels.
Neben Maria Magdalena stellt der zu Jesus gewandte Kopf des Johannes die Verbindung zum kreuztragenden Christus als dem zweiten Zentrum dieser Komposition her. Die Figur des die Kreuzesnägel in der geballten Faust höhnisch vorweisenden Jünglings in der Bildmitte geht auf die von #Clemens Brentano aufgezeichneten Visionen der Augustinernonne #Anna Katharina Emmerick zurück.
Joseph Führich - Die Kartons zum Wiener Kreuzweg, Ausstellungskatalog, hg. von K. A. Schröder, Albertina, Wien 2005, S. 59.
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