David und Goliath
Marcantonio Raimondi
um 1520-1525
Der Kupferstich "David und Goliath" zeigt dieselbe maßgleiche Komposition wie der Farbholzschnitt von #Ugo da Carpi (Inv. DG2002/272) in seitenverkehrter Richtung. Es sind zu dazu verschiedene Vermutungen angestellt worden: Ugo da Carpi hat den Kupferstich kopiert (Landau/Parshall 1994, S. 150), beiden Künstlern lag dieselbe Entwurfszeichnung des Meisters vor, die heute verloren ist (Shoemaker 1981; Harprath 1984), oder Marcanton hat den Clair-obscur Ugos nach Raphaels Tod kopiert (Oberhuber 1984, S. 339). Die Figurenbewegungen sind identisch, allerdings ist David im Kupferstich etwas kleiner. Das schwungvolle Ausholen und die Drehung seines Körpers gelingt Ugo viel überzeugender, und auch der vergebliche Widerstand des Riesen, sein letztes Aufbäumen wirkt im Stich leblos. Bei allen anderen Figuren fehlt ebenso die Natürlichkeit. In Ugos Clair-obscur sind die Bewegungen der Soldatengruppe links, die Steine und Lanzen fortschleudern, mit größter Sicherheit wiedergegeben. Die Abfolge der Handlungen wird durch die Beleuchtung akzentuiert, und in den kräftigen gedrehten Baumstämmen lebt diese Dynamik geradezu weiter. Im Stich geht diese Einheit verloren, und die Figuren drohen nach vorne zu kippen. Auch die Landschaft ist bei Ugo viel weiträumiger, während man im Stich von den Details im Vordergrund abgelenkt wird. Die im Farbholzschnitt im Schatten liegende Gruppe der Fliehenden ist dort stärker herausgearbeitet, wodurch der Raum zusätzlich an Tiefe verliert. An einer Stelle ist es auch zu Missverständnissen gekommen. Im Clair-obscur ist rechts neben David im Hintergrund ein Soldat zu erkennen, dessen Arm nach hinten zeigt. Im Stich erscheint dieser Arm ohne jeden Zusammenhang. Marcanton wird somit wie im Falle von "Herkules und Antaeus" (Inv. DG1971/357) Ugos Clair-obscur-Holzschnitt kopiert haben. Vermutlich geschah dies erst nach dem Tode Raphaels, was vergleichbare Blätter wie Marcantons "Kreuzabnahme" (Inv. DG1970/280) oder das "Gastmahl im Hause Simons des Pharisäers" (Inv. DG1970/275) nahelegen (siehe Shoemaker 1981). Der Stich mit "David und Goliath" unterscheidet sich aber von charakteristischen Werken Marcantons dadurch, dass die Figuren weniger kräftig hervortreten und sich harmonischer in den Umraum einfügen. Die minuziöse, fast dekorative Wiedergabe des Vordergrundes wirkt unüblich für Marcanton. Delaborde (1888) zweifelte an dessen Autorschaft wie zuvor Pietro Zani (Enciclopedia metodica critico-ragionata delle belle arti, Bd. 3, Parma 1820, S. 281 ff.), der den Stich #Agostino Veneziano zugeschrieben hatte. Eine Zusammenarbeit ist nicht auszuschließen, auch wenn im zweiten Zustand das Monogramm von Marcanton erscheint.
Raphael und der klassische Stil in Rom, Mantua/Albertina 1999, Abb. 107, S. 170.
